"Eine ganz einfache Geschichte", von Wolfgang Fritz. Als zweite Buchveröffentlichung des österreichischen Autors Wolfgang Fritz (nach "Zweifelsfälle für Fortgeschrittene", Frankfurt, 1981) diese einfache Geschichte: Ein junger Mann aus ehrbarer anpassungsorientierter Beamtenfamilie weicht vom vorgezeichneten (von den Eltern vorgeschriebenen) Weg der Karriere eines Jurastudiums ab und nimmt Reißaus vor den beruhigenden Sicherheiten klein-bürgerlichen Familienlebens, "geordneter Verhältnisse". Er schließt sich einer kleinen Gruppe von Jugendlichen an, die freiwillig oder unfreiwillig aus der Leistungs- und Erfolgsmaschinerie ausgeschieden sind, Verweigerer und seit jeher Chancenlose, die die Phantasie als Waffe der Notwehr einzusetzen versuchen. Im Verlauf dieser Begegnung gerät der Held in Widersprüche zwischen seinen bunten Träumen von einem Leben jenseits von Alltagstrott und Prüfungszwang und ihrer weit weniger funkelnden Realisierbarkeit, er erfährt konflikthaft die Diskrepanz zwischen idealer Vorstellung und unerbittlicher sozialpsychologischer Programmierung eines selbstbezogenen wehleidigen Muttersöhnchens. Wechselnd zwischen vorgeblich naivem Erzählen und ironisch distanziertem Kommentar, zwischen Umgangssprache, Kunstdialekt und umständlichem Amtsdeutsch (die nicht immer gewollt erscheinenden Unsicherheiten, Brüche innerhalb der einzelnen Codes wären durch sorgfältigeres Lektorat leicht zu beheben), läßt der Autor jene Vorliebe für Leichtigkeit und Skurrilität durchschimmern, die gemäß einer bestimmten literarischen Tradition seines Heimatlands erst recht auf die Brutalität der Wirklichkeit verweist. Die fortlaufende wenig spektakuläre Handlung gibt in der Hauptsache Anlaß zu Milieu-Schilderungen und Zustandsbeschreibungen: Schlaglichter auf die banale Exotik des mittelständischen und unterschichtigen österreichischen Alltags, seine Stereotypen von Alkoholismus, Autoritätshörigkeit, Aggressivität, Bürokratismus, seinen fixen Inventar von arroganten Amtsvorstehern, bornierten Parteifunktionären, dummen Polizisten, liebenswürdigen Psychopathen, schwitzenden Proletariern, schüchternen Muttermördern. Der Blickwinkel auf diese Drehbühne des traurigen Kabaretts gegenwärtiger Realität: Sarkasmus und Sympathie, der Beschränktheit der Verhältnisse Rechnung tragend, ohne Denunziation derjenigen, die darunter leiden, ohne Glorifikation der Möglichkeiten zu entkommen. (Collection S. Fischer 30, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1983; 143 S., 14,80 DM.)

Elisabeth Wiesmayr