Wer über den Preis lamentieren will, mag es tun, wer schlau ist, weiß, daß er, bedenkt man den derzeitigen Preis für plumpe Fälschungen von Nichts, für 300 Mark die nicht zu teuren, sorgfältigen Reproduktionen von Kostbarkeiten in der Hand hält: eine umfassende Auswahl deutscher Minnesängerdichtung aus der wichtigsten erhaltenen Handschrift, der um 1300 entstandenen "Großen Heidelberger Liederhandschrift" (Codex Manesse, Palatinus Germanicus 848). Peter Wapnewski, Rektor des Wissenschaftskollegs in Berlin und Autor von die Grenzen zwischen Literatur und Musik überspringenden, melancholischen Untersuchungen über Richard Wagner, glücklicherweise aber immer noch und immer wieder Altgermanist, hat diese Auswahl herausgegeben, übersetzt und kommentiert (der kunsthistorische Kommentar zu den hervorragend reproduzierten, eingeklebten Illuminationen stammt von Ewald M. Vetter).

Was soll uns Minnesang heute, jene die Sublimierung der Gefühle zart zelebrierenden Töne in einer Zeit, die Selbstverwirklichung mit Anspruch und action gleichsetzt? "Es macht die Eigentümlichkeit des Minnewesens, daß in ihm Kunst gelebt, Leben in Kunst überführt wird", hat Wapnewski einmal in einem Aufsatz über Walther von der Vogelweides "Schachlied" (111, 23) geschrieben. Genau das ist es, was in den schönsten dieser in aller künstlichen Verschränkung so leidenschaftlichen, offenen Verse des Walther von der Vogelweide, Heinrich von Morungen, Dietmar von Aist, Wolfram von Eschenbach und anderen mehr geschieht.

Die Ausgabe (in ihrem schwarzen Einband und Kasten eher à la Wagner denn à la Walther daherkommend) stellt Urtext und Übersetzung nebeneinander, zum Vorteil des nicht oder nicht mehr im Mittelhochdeutschen geübten Lesers. Sie wurde in 3000 Exemplaren aufgelegt, von denen hoffentlich dennoch einige in die Bibliotheken deutscher Germanistik-Seminare gelangen werden. (Gedruckt von Franco Maria Ricci, Verlag Weber S. A., Zürich; Auslieferung für die Bundesrepublik durch Echter, Würzburg.) Petra Kipphoff