Deutschlands Juden im Spannungsfeld zwischen Israel und Diaspora

Von Michael Wolffsohn

Der folgende Beitrag wird sehr viel Kritik auf sich ziehen. Gleichwohl veröffentlichen wir ihn, da hierein Thema kontrovers aufgegriffen wird, das allzulange mit einem Tabu belegt war. Der Autor, in Israel geboren, dessen Eltern mit ihm nach Deutschland zurückkehrten, ist Professor für neuere Geschichte an der Bundeswehrhochschule München. Ihn bewegt der 2000Jahre alte Streit: Kann man auch außerhalb des Gelobten Landes Jude sein und bleiben?

Es war einmal. Es war einmal und ist nicht mehr – das deutsche Judentum. Erinnerungsversuche, jüdische Museen wie das in Frankfurt am Main geplante, der Wiederaufbau des Raschi-Hauses in Worms oder sogar des einstigen Judenviertels dieser Stadt, Neubauten von Synagogen, die meistens für die jeweiligen Gemeinden viel zu groß sind, sie alle können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das deutsche Judentum eigentlich tot ist.

Gewiß, "judenrein" ist die Bundesrepublik Deutschland nicht geworden (anders sieht es in der DDR aus, in der schätzungsweise noch 650 Juden leben). Aber quantitativ fallen die rund 28 000 hierzulande registrierten Juden weder im bundesdeutschen noch im gesamt- oder weltjüdischen Rahmen ins Gewicht.

Wie unbedeutend das deutsche, ja das europäische Judentum geworden ist, verdeutlicht ein Blick auf die regionale Verteilung der Juden in der Welt. Übereinstimmende Schätzungen nannten für 1980 die Zahl von rund 13 Millionen. Davon lebten allein in Nordamerika knapp 6 Millionen oder 46 Prozent, in Nord- und Südamerika 6,5 Millionen oder 50 Prozent, in Israel 3,2 Millionen oder 25 Prozent, in Europa 3 Millionen oder 23 Prozent. In Westeuropa waren es 1,1 Millionen oder fast 9 Prozent, in Osteuropa (einschließlich der asiatischen Teile der Sowjetunion, der Türkei und des Balkans) 1,9 Millionen oder 14 Prozent. In der Bundesrepublik Deutschland wurden 1980 knapp 28 000 Juden registriert, das heißt 0,2 Prozent des Weltjudentums. Die größte jüdische Gemeinschaft Westeuropas finden wir heute in Frankreich, wo 1980 535 000 Juden lebten, gefolgt von Großbritannien mit 390 000. Die jüdischen Gemeinden Belgiens, Italiens, der Niederlande und Schwedens sind nur unwesentlich größer oder kleiner als die bundesdeutsche.

Ein kurzer Vergleich mit der demographischen Verteilung des Weltjudentums im Jahre 1939, vor dem Einsatz der Vernichtungsmaschinerie, die Juden und Nichtjuden betraf, dokumentiert den grundlegenden Wandel, der durch den Holocaust und durch die Gründung Israels vollzogen wurde.