Von Horst Bieber

Ein Zwischenruf brachte das Problem auf den Punkt. In der Bundestagsdebatte über das Waldsterben und das "Notprogramm" der SPD behauptete Innenminister Zimmermann (CSU) am vergangenen Freitag: "Das Waldsterben ist in diesem Ausmaß, in dem es heute registriert wird, erst seit sehr kurzer Zeit feststellbar." – (Zuruf von den Grünen) – "Ich sagte: In dieser explosionsartigen Ausbreitung ist es erst in den letzten vier Monaten feststellbar." – Darauf der grüne Abgeordnete Schily trocken und treffend: "Das ist beim Krebs mitunter auch so!" Umweltschutz wurde und wird – das hat die vierstündige Debatte erneut verdeutlicht – nach der "Methode Messer" betrieben: Eingriffe, wenn Schäden unübersehbar geworden sind – Hoffnung, daß sich keine Metastasen gebildet haben – wenig Vorsorge.

Eine Änderung dieser Haltung ist nicht in Sicht, und das gilt für alle Parteien. Regierungsfraktionen und Opposition werfen sich gegenseitig mit starken Worten Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit vor, so daß die Frankfurter Rundschau mit einer Schlagzeile das Ergebnis der Redeschlacht zusammenfassen konnte: "Unumstritten ist nur, daß der Wald stirbt." Die Maßnahmen der Bundesregierung werden das nicht verhindern – sie greifen zu spät und zu schwach. Für Ökologen und Naturwissenschaftler war es eine gespenstische Auseinandersetzung, in der wenig über "Natur", aber viel über "Erblast" gesprochen wurde.

Und von der SPD, die durch ihren ehemaligen Forschungsminister Hauff ein Reuebekenntnis eigenen Versagens ablegte, hätte man solche "Notprogramme" in jener Sieben-Jahres-Spanne 1975 – 1982 gewünscht, in der Umweltschutz unter "ferner liefen" rangierte: weil die Unionsmehrheit im Bundesrat blockierte und beim Koalitionspartner FDP der Lambsdorff-Flügel sich das Lamento der Wirtschaft zu eigen machte.

Dennoch war es keine überflüssige Debatte. Denn sie offenbarte typische Schwächen bisheriger Umweltpolitik.

Zimmermanns Argument, das Waldsterben sei erst seit kurzer Zeit feststellbar, ist falsch. Die Fachleute warnen seit Mitte der 70er Jahre, aber nach wie vor haben wissenschaftliche Argumente bei den Politikern wenig Gewicht. Regierungen und Parlamente fühlen sich zum Handeln erst aufgerufen, wenn die Schäden unübersehbar geworden sind. Aber dann ist es – siehe Krebs – in der Regel zu spät. Der "Selbstreparatur-Mechanismus" der Natur funktioniert wegen übergroßer Belastung nicht mehr, die Schäden nehmen dann nicht gleichmäßig, sondern in der Tat "explosionsartig" zu.

Das "sektorale" Denken feiert nach wie vor Triumphe. Weil der Wald nun einmal als "Zuflucht für die deutsche Seele" (Süddeutsche Zeitung) eine eher psychologische als wirtschaftliche Bedeutung ‚besitzt und weil die Waldschäden hauptsächlich auf Luftverunreinigungen zurückgehen, konzentriert sich das öffentliche, folglich auch das politische Interesses auf "Wald" und "Luftverschmutzung". Alle anderen Gefährdungen der Umwelt – vom Grundwasser bis zur Vergiftung des Bodens – geraten außer Sicht, bis sich dort Schäden einstellen, die wiederum im nachhinein dann eilige Gegenmaßnahmen verlangen.