Von Rudolf Herlt

Die Franzosen geben Rätsel auf. Staatspräsident François Mitterrand forderte auf spektakuläre Weise eine neue Weltwährungskonferenz im Stile von Bretton Woods aus dem Jahre 1944. Dabei soll der Grundstein für ein neues Weltwährungssystem gelegt werden. Die fünfzig Finanz- und Handelsminister aus den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die er im Elysée-Palast damit überraschte, erkannten hinter diesem Vorstoß den Wunsch Frankreichs, zu einem System fester Wechselkurse zurückzukehren.

Das Spektakulum mußte bei den Ministern Kopfschütteln auslösen. Schließlich hat die sozialistische Regierung Frankreichs Mitte März mit der zweiten Abwertung des Franc und Mitte Mai mit der Aufnahme einer dritten Devisenanleihe in Milliardenhöhe überzeugend demonstriert, daß sie den festen Wechselkurs des Franc nicht einmal innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) mit seinen acht Mitgliedsländern auf die Dauer verteidigen kann. Just in diesem Augenblick fordert Mitterrand die Rückkehr zu festen Paritäten für die rund 140 Mitgliedsländer des Internationalen Währungsfonds (IWF). Sein Vorgänger Giscard d’Estaing hat in der vergangenen Woche in der ZEIT die gleiche Forderung vertreten. Er meint, die Rückkehr zu festen Wechselkursen müsse eines der großen Themen der Weltwirtschaftskonferenz sein.

Die Rolle Frankreichs

Französische Staatspräsidenten lieben den großen Auftritt, das galt für de Gaulle nicht weniger als für Giscard d’Estaing oder Mitterrand. Doch der romanische Hang zur Selbstdarstellung erklärt Mitterrands Paukenschlag noch nicht hinreichend. Da kam wohl etwas anderes dazu.

Drei Wochen vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Williamsburg wollte er wohl das Forum der OECD-Ministerkonferenz nutzen, um der Welt zu zeigen, daß Frankreich die Show nicht allein den Amerikanern überlassen möchte. Und am Vorabend des zweiten Jahrestags des sozialistischen Wahlsiegs mag der Wunsch übermächtig gewesen sein, den nicht gerade verwöhnten Wählern die Rolle Frankreichs im internationalen Konzert deutlich zu machen. Sein Mittel: Er stellte die französische Systemlogik der Marktlogik seiner Partner gegenüber.

Man macht es sich in der Tat zu einfach, wollte man dem Staatspräsidenten sachliche Motive ganz absprechen. Die Motive sind Ausdruck des cartesianischen Geistes der Franzosen, der sich vielen Ausländern nicht unmittelbar erschließt. Der deutsche Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff hatte sicherlich recht, als er auf Mitterrands Vorstoß mit der Bemerkung reagierte, daß sowohl feste als auch flexible Wechselkurse Schwierigkeiten machten, daß es also wohl nicht am Währungssystem liegen könne. Entscheidend sei vielmehr allein die wirtschaftspolitische Disziplin der einzelnen Länder, an der es häufig mangele.