Von Manfred Sack

Wien", so liest man beim Wiener Feuilletonisten Hans Weigel, "Wien ist unter allen schönen Städten der Welt vermutlich die häßlichste. Die Häßlichkeiten Wiens unterbrechen die Schönheiten nicht, kontrapunktieren sie auch nicht, sondern sind ihr wesentlicher Bestandteil." Nicht wahr: "Daß schöne Gebäude, schöne Plätze, schöne Gärten, schöne architektonische Lösungen und schöne Ausblicke schön sind, ist nicht weiter erstaunlich. Daß aber häßliche Gebäude, verunstaltete Plätze, verpfuschte architektonische Lösungen und verbaute Ausblicke in massiver Dichte doch die Schönheit einer Stadt nicht beeinträchtigen, sondern teil an ihr haben, ist ein Kunststück, das neben Wien vielleicht noch die Stadt Paris fertigbringt." Und so werde die Schönheit Wiens von Jahr zu Jahr bedeutender und intensiver, weil seit über einem Jahrhundert "Jahr um Jahr schuldhaft und fahrlässig, konsequent und nebenbei, planmäßig und gedankenlos, böswillig und gutwillig, durch Taten und Unterlassungen gegen die Schönheit der Stadt gesündigt" wird. Und doch, sagt der gescheite Beobachter Weigel, gehe der klassische Satz zu jeglicher Zeit: Wien bleibt Wien.

So ist Wien Wien geblieben, obwohl (oder weil) sich die Stadt vor einiger Zeit jenseits der Reichsbrücke am Donaupark ein unübersehbares Monument gebaut hat: weniger eines der zeitgenössischen Architektur als eines der österreichischen Nachkriegspolitik. In der Umgangssprache heißt es die Uno-City. Sie sieht genauso aus, wie ihr amtlicher Name lautet: Internationales Zentrum Wien.

In Wien hört man niemanden davon reden, es weist einen auch keiner darauf hin als auf etwas, das man, einmal an der Donau, unbedingt gesehen haben müßte, neben, sagen wir, Schönbrunn, Ring, Postsparkasse oder der neuesten kühnen Filiale der Zentralsparkasse in der Favoritenstraße 118. Dabei deuten zwei Begleiterscheinungen an, daß es sich um ein außerordentliches Bauwerk handelt: Erstens hat es, vom internationalen Architekten-Wettbewerb bis zur übermäßigen Summe der Baukosten, fast nur Ärger gemacht (obwohl doch alle daran beteiligt sind: die ÖVP hat es gewollt und beschlossen, die SPÖ hat es gewollt und gebaut); zweitens ist es auf Briefmarken gedruckt und geht als Bild-Botschaft in alle Welt: Wien, die dritte Uno-Stadt nach New York und Genf.

Auch die Oper von Sydney schmückt Briefmarken und steht als Zeichen für die ganze Stadt, wenn nicht für einen Kontinent. Aber ist die Uno-City gleich Wien? Es drückt nur eine sich wohl nie ganz erfüllende Hoffnung aus, die sich der kleine, politisch eminent betriebsame Staat von der Rolle macht, die seine Existenz kräftigen soll. Nach dem Zweiten Weltkrieg zu immerwährender Neutralität verpflichtet, versucht er, diese Chance als Schlichtungszentrum im Spiel der Mächte auszunutzen – und, zum Beispiel, durch den Bau der Uno-City auch sichtbar zu machen.

In Wahrheit ist die Uno-City natürlich keine City, sondern nichts weiter als ein Haufen Büros, die aussehen wie Büros, auch wenn der Architekt Johann Staber sich bemüht hat, die Hypertrophie mit Fassadenschwüngen ein bißchen hübscher zu machen. Er hat die 4700 Schreibtische – von denen noch immer erst 3500 besetzt sind – in sechs Y-förmigen Hochhausscheiben verschiedener Höhe untergebracht, die, weil sie paarweise zusammengefaßt sind, das Bild halbrunder Scheibenhochhäuser abgeben. Angekoppelt sind die drei Doppel-Ypsilons an einen Rundbau mit neun Konferenzsälen und einer zweistöckigen weiten Eingangshalle von bemerkenswert trübem Charme.

Jedoch beginnt für die Touristen, die sich ihre Neugier nicht haben ausreden lassen und zweimal werktäglich, um 11 und um 14 Uhr, zum Rundgang antreten dürfen, die Führung nicht hier, sondern gewissermaßen am Lieferanteneingang nebenan, in Haus D.