Von Peter Mosler

Wer die DDR besucht, wird in dem kleinen Land eine eigentümliche Schönheit entdecken. Als ich an der Grenze zwischen Oderbruch und Niederbarnim einen Ausflug machte, fuhr ich durch Dörfer, die an früher erinnerten. Zerstörung durch Aufbau begegnet man selten in den ländlichen Regionen der DDR. Eine Landstraße mit Katzenkopfpflaster, eingefaßt von Eichenbäumen, führt zu der Kleinstadt Freienwalde. Ich tauchte in die Eichenallee wie in einen Tunnel, und die Straße rief altherkömmliche Bezeichnungen wie "Hohlweg" oder "Knüppeldamm" wach. Auch Freienwalde sieht so aus, wie Kleinstädte bei uns im Westen vor dem Krieg ausgesehen haben müssen: schöne Bürgerhäuser, kleine übersichtliche Plätze, verwinkelte Gassen. Die Stadt ist nur von innen zersetzt – das eigentliche Städtebürgertum, Kleingewerbetreibende, Selbständige, gibt es nicht mehr.

Da es Wohnungsnot gibt in der DDR, sind auch dort die größeren Städte nicht von der Zerstörung durch Aufbau verschont. Eine Reise in die Mark Brandenburg, über die Ausfallstraße Frankfurter Allee (früher Stalinallee). Vom Alexanderplatz – dort noch unter dem Namen Karl-Marx-Allee – bis zum Neubauquartier Marzahn ist sie das Rückgrat der Stadt Berlin. Aber Marzahn ist der Arsch von Berlin. Dort entstehen die Slums des Jahres 2000. Marzahn ist ein 2,5 mal 4 km großes Wohnquartier, das Märkische Viertel Ostberlins, nur jünger und trostloser. Gegenwärtig wohnen 40 000 Menschen dort, am Ende sollen es 90 000 sein. Kein Kino, kein Theater, kein Schwimmbad, kaum Kinos, kaum Konsumläden. Gebaut wird in Fertigbauweise mit normierten Teilen, und schon heute gibt es in Hausgemeinschaften Marzahns Absprachen darüber, daß ab 21 Uhr nicht mehr gebadet werden darf, wegen des Lärms.

Nicht, daß den Stadtplanern in der DDR die Probleme psychischer Verelendung in solchen Wohnquartieren nicht geläufig wären. Immerhin gibt es in der DDR bereits einen Roman, der sich mit der Zerstörung durch Städteplanung befaßt: Brigitte Reimanns "Franziska Linkerhand". Aber noch werden überall Wohnquartiere des Typs Marzahn gebaut: in Jena, Halle und anderswo.

Ich fahre weiter durch die märkische Landschaft. Was ist Realsozialismus? Realsozialismus ist auch: Große zusammenhängende Ackerfluren, die man mit dem Maschinenpark bearbeiten kann – große Traktoren, Mähdrescher, Breitband – Insektizide, vom Flugzeug aus gespritzt. Spuren der Insektizide sind bis in die Brombeersträuche an den Flurwegen zu erkennen. Ökologische Daten dürfen seit etwa einem Jahr nicht mehr in der Fachpresse veröffentlicht werden, wegen des gestiegenen ökologischen Bewußtseins in der Bevölkerung. "Und einige Daten kennen wir selbst nicht", sagt mir ein Pflanzenschutzexperte, "zum Beispiel die Blei- und Cadmiumrückstände an Kohlköpfen." – Bei Gotha fischen zwei Männer mit langen Stangen im Fluß und reinigen ihn. Einer der beiden ist Wasservogt. "Ich bin Mitglied der Grünen", sagt er verschmitzt lächelnd, "also – im Westen!"

Ein Dorf in der Mark. Zwei Neubauten entstehen neben mehreren verfallenden Häusern. Samstag um 19 Uhr ist außer einer Vogelscheuche keiner mehr auf dem Acker. Es gibt geregelte Arbeitszeit und Urlaub. Die Überstunden während der Erntezeit werden bezahlt. Nur zwei Fahrzeuge auf der Straße während meines einstündigen Spaziergangs rund um das Dorf. Kein Discoverkehr wie bei uns am Samstagabend – also auch keine Abgase. Ein Storchennest im Dorf, von denen es in der DDR an die 5000 geben soll.

Eine neue Erfahrung für mich war, daß Reden in der DDR möglich ist, ohne vom Machtkalkül beherrscht zu sein. Ich lernte in der Großgemeinde, der das Dorf in der Mark Brandenburg angehört, den Parteisekretär kennen. Unser Gespräch begann ernst. Er sagte: "Wenn das so weitergeht, Reagan, Thatcher und vielleicht Strauß, dann kommt der dritte Weltkrieg bestimmt..." Er hat, wie viele Menschen in der DDR und bei uns, Angst vor der atomaren Katastrophe. Als ich ihn nach der Wiedervereinigung fragte, erwiderte er: "Selbstverständlich! Ich will die Wiedervereinigung, im Rahmen des Vereinten Europa, das heißt natürlich: Austritt aus den Blöcken!"