Jeden Morgen bewundere ich den in den Entwicklungsbüros der Kartonagenindustrie versammelten Erfindergeist. Mit immer neuen Einfällen hilft man dort, Briefe und Päckchen so durabel zu verpacken, als solle es für die Ewigkeit halten.

Früher war es eine einfache Sache, an den Inhalt von Postsendungen heranzukommen. Jeder Brief ließ sich mit einem Brieföffner oder sogar mit dem Zeigefinger problemlos öffnen. Heute hingegen gehörten auf den Schreibtisch einer Sekretärin eigentlich ein Paar feste Arbeitshandschuhe, scharfe Messer und eine Zange, dazu eine Drahtschere und – für den Notfall – Verbandszeug.

So ausgerüstet könnte ich mich verhältnismäßig ungefährdet ans Werk begeben, doch leider stehen mir diese Hilfsmittel nicht zur Verfügung. Den fortschrittlich und modern verpackten Postsendungen muß ich allein mit dem Handwerkszeug aus längst vergangenen Jahrhunderten – Brieföffner und Schere – zu Leibe rücken.

Ich muß mich deshalb auf Muskelkraft, Geschicklichkeit und Glück verlassen, wenn ich den täglichen Poststapel mustere und über eine Taktik nachsinne, wie ich das Problem so sauber und unblutig wie möglich lösen kann. Ein Stoß zuviel, ein Schnitt zu weit, ein Druck zu stark, das Messer falsch angesetzt: Schon fließt das Blut, der Fingernagel oder gar der Daumen ist gebrochen.

Jene Umschläge, die zum Schutz des Inhalts gefüttert sind, erweisen sich als besonders gefährlich. Äußerlich sind sie schlecht auseinanderzuhalten. Die eine Sorte anzugehen ist schwierig, aber letztlich harmlos. Unter ihrem Papiermantel trägt sie nur Luftblasen in Plastik Die andere dagegen ist gefüllt mit hunderttausend kleinen Papierschnitzeln. Verschlossen werden beide vom Absender nicht nur mit den Metallklammern in den dafür vorgesehenen Löchern, sondern oft auch noch – sicher ist sicher – mit dickem braunem Kunst-Stoffklebeband, das drei- und viermal herumgewickelt wird.

Da gibt es keinen Ansatzpunkt für Schere oder Messer. Mit Kraft und Wut zerre ich an der Papierhülle. Und dabei erweist sich, was unter der Papierschicht verborgen ist: Reißt sie auf und ich nabe Aussicht, an den Inhalt heranzukommen, ergießt sich eine Flut von Papierschnitzeln über Schreibtisch, Rock und Fußboden. Reißt sie nicht auf, dann habe ich es mit der plastikverpackten Luft zu tun und alle Mühe war vergeblich. Ähnlich ärgerlich sind die Pakete, die mit unzähligen Meinen Kunststoff-Chips gefüllt sind. Bis der eigentliche Anlaß für die Paketsendung gefunden ist, liegt ein großer Teil der Chips auf dem Teppich. Aber diese Dinger hinterlassen wenigstens keine Fusseln auf der Kleidung wie das Papiermehl.

Schlimm ist auch jene Spezies von Umschlägen, die sehr harmlos aussieht, aber auch reichlich schwer zu öffnen ist. Sie bestehen aus mitteldickem Packpapier in hoffnungsfrohem Hellgrün, versetzt mit unsichtbaren heimtückischen Perlonfäden, drei auf den Zentimeter. Ein ahnungsloser Ruck mit dem Zeigefinger, in aller Gutgläubigkeit ausgeführt, hat verheerende Folgen. Und armselig ist der Effekt, der sich ergibt, wenn ich den Brieföffner ansetze: Diese Fäden sind stärker als Eisendraht.