Von Heinz Blüthmann

Wenn Topleute in der privaten Wirtschaft über Nacht ihren Job aufgeben und Schecks mit sechs- bis siebenstelligen Summen mitnehmen, dann ist das meist keine Klauerei, sondern völlig legal. Juristen nennen das Abfindung, Zyniker allerdings fanden den Ausdruck Lösegeld passender, mitunter sprechen Wissende zu Recht auch von Schweigegeld.

Der jüngste Fall spielte in Hamburg. Da bauten zwei hochbezahlte Chefredakteure des Magazins stern, Peter Koch und Felix Schmidt, grob fahrlässig die größte journalistische Pleite, die sich überhaupt vorstellen läßt, schädigten das Ansehen und den Wert ihres Verlages Gruner + Jahr schwer und für lange Zeit – und was passiert? Die beiden Versager, die plump gefälschte Hitler-Tagebücher für echt hielten und in zwei stern-Nummern eine Millionen-Leserschaft für dumm verkauften, stahlen sich zwar, als die katastrophale Fehleinschätzung feststand, aus der peinlichen Szene – doch ihre Brieftaschen waren prall gefüllt wie bei Lottogewinnern: Derselbe Verlag, dem Koch und Schmidt so miserable Dienste erwiesen, warf dem blamierten Chefredakteurs-Duo noch schnell sechs Millionen Mark hinterher.

Paradox? Es sind keineswegs nur schlichte Gemüter, die das nicht begreifen und erstaunt fragen: So viel Geld – für was? Wer einen derart großen Schaden anrichtet, müßte doch eigentlich Schadenersatz leisten, statt obendrein zu kassieren.

Doch die Verlagsoberen von Gruner + Jahr (G + J) agierten durchaus logisch. Nicht Dummheit, Freundschaft oder gar Mitleid diktierte die Millionensummen für Koch und Schmidt, sondern nacktes Eigeninteresse. Denn G + J-Chefmanager Gerd Schulte-Hillen, sein Vorgänger Manfred Fischer wie auch der Eigentümer des Großaktionärs Bertelsmann, Reinhard Mohn, haben den Ankauf der vermeintlichen Hitler-Tagebücher für fast 9,5 Millionen Mark vorangetrieben und gebilligt – zunächst ohne Wissen der stern-Redaktion. Presserechtlich verantworten mußten Koch und Schmidt den Inhalt des stern, doch Schuld an dem Hitler-Desaster haben auch andere über ihnen in der Konzern-Hierarchie, und die wollen trotz allem bleiben.

Diese "günstige" Konstellation war es letztlich, die den beiden Chefredakteuren zu ihrem dicken Abschiedsgeschenk verhalf. Kassieren, schweigen und möglichst viel Schuld auf sich ziehen – das ist die letzte Funktion von Koch und Schmidt Die beiden einfach fristlos und ohne großzügige Abfindung zu entlassen – das konnten sich Schulte-Hillen und auch seine Vormänner bei Bertelsmann gar nicht leisten.

Im fälligen Arbeitsgerichtsprozeß, zu dem jeder einigermaßen beschlagene Jurist den Gefeuerten sofort geraten hätte, wäre nämlich die ganze Affäre mit allen unangenehmen Details noch einmal aufgerollt worden. Diese Aussicht schreckte die Verlagsmanager – mit je drei Millionen Mark an Koch und Schmidt kauften sie sich davon frei.