Sind wir nutzlos? – Seite 1

Von Elisa Klapheck

Mitschrift einer Jura-Vorlesung: "Jeder Student soll ja den deutschen Steuerzahler jährlich 12 000 Mark kosten..." So belehrte ein Hamburger Professor seine Zuhörerschaft. Damit drückte er genau das aus, was zur Zeit viele Bürger unter uns denken: 12 000 Mark für geistige Befriedigung und Förderung intellektueller Nichtsnutze! Und ich, die Studentin spürte genau das, was viele von uns Studenten denken. Da studieren wir und studieren... und mit welchem Erfolg schließlich? Arbeitslosigkeit! Und das hat den deutschen Steuerzahler auch noch 12 das Mark jährlich gekostet! Das schlechte Gewissen bedrückt mich auf unangenehme Weise. Es erwacht in mir aber auch ein unguter Widerwille: Man braucht uns nicht! Der Staat, die Gesellschaft, für sie ist meine Generation nur ein Klotz am Bein. Wir und unsere Studienabschlüsse sind überfüssig.

Ich studiere schon seit einiger Zeit Politologie und Jura. In meinem Idealismus möchte ich meine Talente und mein Wissen dazu verwenden, daß die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden. An der Erhaltung unserer Demokratie bin ich nur allzugern bereit mitzuwirken. Aber es scheint, daß man für Typen wie mich keinerlei Verwendung hat. Und mit meinem "Typ" meine ich Politologen, Anthropologen, Soziologen, Pädagogen, Psychologen; die Studenten, die Lehrer werden wollen; die Studenten, die die großen Mediziner- und Juristenschwemmen verursachen. Alle sind unverwendbar und kosten den Steuerzahler jährlich mindestens 12 000 Mark.

Dabei sind wir Abbild dessen, was sich jede Nation für ihre Kinder wünscht. Wir sind die Früchte einer Gesellschaft, deren schlimmste Klassenschranken überwunden sind; in der beinahe jeder etwas erlernen kann, womit er seine Persönlichkeit entfaltet und sich selbst verwirklicht. Eine Gesellschaft, der es gelungen ist, stumpfsinnige, menschenentwürdigende Arbeit zu ersetzen durch phantasievolle, einfallsreiche, geistige Arbeit, in welcher jeder seine Anlagen und Talente verwirklichen sollte.

Das Lernniveau in den Schulen ist gestiegen. Fast jeder spricht heutzutage eine Fremdsprache. Die allgemeine politische Informiertheit und das politische Bewußtsein haben im letzten Jahrhundert zugenommen. Mädchen drangen in die Gymnasien, Frauen in die Universitäten und geistigen Berufe. An den Schulen und Universitäten sind Arbeiterkinder von den Herrschaftssöhnen und -töchtern nur kaum noch zu unterscheiden. Wir haben unser Volk in einen Zustand gebracht, der es zu einer zivilisierten Gesellschaft macht. Wir alle verfügen – im Gegensatz zu den Generationen der vorigen Jahrhunderte – über einen recht hohen Grad geistiger Entwicklung, den uns die allgemein zugänglich gewordene Bildung verschaffte.

Und wofür wollen nun die Kinder dieser geistig hochentwickelten Gesellschaft ihre Bildung einsetzen? Für psychologisches Wohlbefinden, für das Recht, für eine Gesellschaft des Friedens, für die Gleichberechtigung aller Menschen, für die Persönlichkeitsentfaltung eines jeden einzelnen, für die internationale Verständigung... Wir haben es tatsächlich geschafft! Wir haben die Mauern unserer Kleinkariertheit durchbrochen und sind in der Lage, über unseren eigenen Horizont hinauszublicken. Aber die Kinder, die sich dieser Aufgabe widmen wollen, die brauchen wir in Krisenzeiten auf einmal nicht mehr.

Ihr lieben Deutschen! Ihr lieben Generationen der Nachkriegsjahre! Ihr habt einen Babyboom in die Welt gesetzt. Eine ganze Generation wurde von euch geschaffen, der ihr jetzt das Gefühl der Überflüssigkeit verleiht.

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Dabei gibt es noch längst nicht genug Lehrer. An vielen Schulen herrscht Lehrermangel, und die Klassen sind überfüllt. Eine Schulklasse mit einem guten Lernniveau aber kann gar nicht klein genug sein. Es gibt immer noch viel zuwenig Professoren. Die Vorlesungen für Jura-Erstsemester an der Universität Hamburg gleichen gefüllten Theatersälen; nicht gerade niveaufördernd, und am allerwenigsten angenehm für den Professor.

Stundenlang darf man in den Praxis-Wartezimmern auf die Schnellabfertigung eines Arztes warten. Ein Termin bei einem Psychotherapeuten ohne Wartezeit von drei Monaten ist fast nicht zu erhalten.

Die Bundesrepublik könnte noch viel mehr geisteswissenschaftlich arbeitende Menschen gebrauchen. Deutschland, das heißt seine Steuerzahler, können sie aber nicht mehr alle bezahlen. Den Universitäten ist ein Großteil ihrer Etats gestrichen worden. Es werden weniger Lehrer eingestellt. Politologen, Soziologen, Pädagogen ... sie alle haben hoffnungslose Zukunftsaussichten vor sich.

Es ist aber nicht so, daß sie unbezahlbar geworden sind, weil ihre Anzahl zu groß geworden sei! Sie sind so unbezahlbar geworden, weil jeder in seinen Ansprüchen so furchtbar teuer geworden ist. Muß ein Lehrer 3000 bis 4000 Mark und mehr verdienen? Über Honorare von Experten und akademisch geschulten Kräften kann ich nur staunen; ganz zu schweigen von Richter- und Professorengehältern. Ein Einkommen von 5000 Mark und mehr ist hier nichts Außergewöhnliches.

Gespart wird zur Zeit am falschen Ende! Anstatt aufgeblähte Gehälter auf normale, akzeptable Größen herunterzuschrauben, werden ganz einfach weniger Menschen in den Arbeitsprozeß aufgenommen. Tausende von jungen Menschen werden von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Andererseits wird körperliche Arbeit bekanntlich in den nächsten Jahren an Bedeutung verlieren; Mikroelektronik, Roboter, Computer und andere technologische Verfahren werden uns mehr und mehr von eintöniger, körperlicher Arbeit befreien. Wir befinden uns in einem Stadium, in dem sich die Auffassungen über Arbeitszeit und -weise ändern müssen. Es ist erforderlich geworden, dem Menschen neue Tätigkeitsgebiete zu verschaffen, damit er seine Tage sinnvoll gestalten kann.

Ist nicht gerade die Förderung von Studium und Bildung der geeignete Ansatz zur Erschließung des Weges zu geistigen und sinnvollen Beschäftigungsgebieten? Die Erweiterung von Studienmöglichkeiten und die Vergrößerung von Aufgaben im Bereiche der Menschenverständigung? Unbeantwortet bleibt die Frage, was das uns eingeredete schlechte Gewissen bewirken soll.

Die Autorin studiert Politologie und Rechtswissenschaften in Hamburg.