Theoretisch bräuchte der Automat aber immer noch runde 137 Jahre, um in immerwährender Tag-und-Nacht-Schicht auch nur das Erbmaterial eines einzigen Bakteriums vollständig chemisch nachzubauen (das lebende Bakterium verdoppelt sein Erbmaterial mühelos in knapp zwanzig Minuten). Für die gesamte Erbinformation des Menschen wären gar satte 100 000 Jahre nötig. Solche Arbeiten könnte nicht einmal eine ganze Batterie gleichartiger Geräte schaffen. Sie wären zudem auch sinnlos.

"Chemisch synthetisierte Gene oder zumindest Bruchstücke davon", erklärt Professor Ernst-Ludwig Winnacker, Direktor des Münchner Instituts, "spielen heute in der Gentechnologie und in der Molekularbiologie eine immer größere Rolle, Erst die Röntgenstrukturanalyse chemisch synthetisierter, definierter kurzer DNA-Stücke hat beispielsweise neben den erwarteten zwei DNA-Formen eine bisher unbekannte und gänzlich unerwartete Form, die sogenannte Z-DNA, erbracht, die biologisch von einiger Bedeutung zu sein verspricht" (siehe ZEIT Nr. 18/1983).

Winnackers Institut will das Gerät zur Synthese von Gen-Bruchstücken für die Grundlagenforschung einsetzen sowie damit kleinere Gene produzieren, in denen die Information für medizinisch wichtige Eiweißmoleküle gespeichert ist. Winnacker: "Denken Sie beispielsweise an Insulin oder Hypophysenhormone. Eine chemische Synthese ist in vielen Fällen nicht nur sehr viel leichter, als mühsam Gene aus dem fast unübersehbaren Gen-Gemisch im Erbmaterial herauszufischen, sondern oft auch der einzig gangbare Weg. Synthetische Gene bieten sich an, wenn es gilt, am isolierten Erbmaterial herumzumanipulieren, um zu sehen, wie sich Gen-Veränderungen auf die biologische Aktivität des Genprodukts auswirken. In natura ist dies nicht möglich, da wir Gentechniker ja nur mit dem arbeiten können, was die Natur uns freiwillig liefert."

Es geht also um die Erforschung von Molekularstruktur und biologischer Wirkung. "Schon jetzt bahnt sich eine ganz neue Entwicklung in der molekularen Biologie an, die sogenannte synthetische Biologie", fährt Winnacker fort. "Man kann beispielsweise gezielt gänzlich neue Insulin-Gene synthetisieren. Diese Gene erzeugen Insulin-Varianten, von denen möglicherweise einige sogar klinisch relevant sind, weil sie zwar noch Insulinwirkung zeigen, ansonsten aber ganz andere physikalische und biochemische Eigenschaften als das natürliche Insulin aufweisen."

Arbeitslos oder gar vollständig ersetzt werden die Münchener Chemiker durch den Syntheseapparat sicher nicht. Sie haben den Kopf frei für andere Forschungsaufgaben und sind zudem damit beschäftigt, die Grundchemikalien zu synthetisieren, die der Apparat verbraucht. Viele davon sind nämlich nicht Käuflich erhältlich oder viel zu teuer.

Die elektronische Gen-Maschine bringt sogar den Kollegen der DNA-Chemiker Spaß. Wenn sie die Gen-Maschinisten in der Mensa treffen, dann wird schon einmal gefrotzelt: "Na, seid ihr schon wieder am Synthetisieren?"