Die 120 Jahre alte Dorfkirche von Wiesbaden-Erbenheim dient seit 1975 der Kunst. In dieser Kirche hat die Galerie und Objekt-Edition Harlekin-Art ihr Zuhause. Gleich nebenan im Pfarrhaus werden gerade Künstlerateliers eingerichtet. Unter dem Titel "Art-Hats" findet hier bis Mitte Juni eine höchst vergnügliche Ausstellung rund um den Hut statt. 84 Künstler aus allen Teilen der Welt haben sich in Bildern, Objekten, Installationen, Aktionen und Videofilmen mit dem Hut auseinandergesetzt. Ein Zusammenspiel um und über den Hut in der Kunst gab es in dieser Form und diesem Umfang bisher noch nie. Eingerichtet wurde die Ausstellung von der Kasseler Kunstpädagogin Irene Adelmann in Zusammenarbeit mit dem japanischen Künstler Kazuo Katase. Eine Fundgrube für Hutfreunde, das raffiniert gemachte Katalog-Buch, in dem Hüte von Magritte und Max Ernst ebenso zu finden sind wie der Hut von Beuys.

Vor der Kirche in Wiesbaden-Erbenheim blühen Hüte. Ben Vautier, der französische Fluxuskünstler, der diese Kirche von außen bemalt hat, zum Zeichen, daß sie im Dienst der Kunst steht, hat einen Hut-Garten angelegt. In umgestülpten Filzhüten blühen nun Fleißiglieschen und Geranien. Und darüber zwischen Kirche und Pfarrhaus hat der Düsseldorfer Objektmacher Heinrich Brummack ein Hutzelt aufgeschlagen, in dem man den Hutkuchen von Robert Watts probieren und einem Hutmacher aus Holland bei der Arbeit zusehen kann.

Wer den Kirchenraum betritt, taucht ein in ein Wunderland. Hüte, Hüte, Hüte, wohin das Auge schaut. Phantastisch und ironisch verfremdet, bedecken sie als 45 Cowboyhüte die Apsis – das Werk des französischen Neodadaisten Arman schweben als Zylinder und Melone im Kirchenschiff, hängen als Sombreros, Märchenhüte und Papierhelme aus Geldscheinen an der Wand, stapeln sich als Filzhüte zu Hutbergen, flimmern als Tarnkappen auf den Mattscheiben der Videogeräte, drehen und brechen sich in Spiegelscheiben. Der Kunsthut als Spiegelung unserer Alltagsrealität?

Da duften die Kraut- und Zauberhauben aus Waldmeister und Besenheide der Lili Fischer, dort klingt und singt ein Hut von Joe Jones, da hat einer einen Riesenregenschirmhut aufgespannt. Jochen Gera hat sein Tarnmützchen von seiner Transsibirienreise geschickt, und Dorothee von Windheim betreibt Spurensicherung in ihrem Erinnerungsbuch an ihre Hüte. Um einen Sandhügel welken rote Nelken, obenauf hat die Frankfurter Bildhauerin Nele den Hut von Rosa Luxemburg gelegt, mit schwarzer Feder, aus dem Sand läßt sie Arme ragen, deren Hände zu Fäusten geballt sind. Und mit einem Gruppenhut behütet der Tscheche Knizak gleich zwölf Leute. Da geht einem – wandelt man durch diesen Garten der Hüte – wahrlich der Hut hoch.

Erstaunlich, wen und was alles die Hutfetischistin und Initiatorin der Ausstellung, Irene Adelmann, und Kompagnon unter einen Hut gebracht haben. Besonders fallen immer wieder die Beiträge der Künstlerinnen von Meret Oppenheim bis Anna Oppermann auf. "Die Ausstellung", heißt es im Katalog-Vorwort, "will keine historisch orientierte und keine didaktisch aufbereitete sein, weiß man ja nicht einmal, wann und woraus die erste Kopfbedeckung hergestellt worden ist."

Sie ist denn auch ein Abenteuergelände voller Nischen für die Phantasie, steckt voller Überraschungsecken, voller Geschichten. Drei Ecken hat der Hut? Tausend hat er hier. Gerade in ihrer spielerischen Form animiert die Ausstellung die Besucher, sich mit dem Hut zu beschäftigen. Und viele kommen hierher verrückt behütet. Wie sagte Schiller? Besser der Hut ist verrückt als der Kopf. Besser den Hut als den Kopf verlieren. Nicht jedem Kopf taugt jeder Hut. Des Menschen Zierat ist der Hut.

Der Hut, so erleben wir in dieser Wiesbadener Schau, ist mehr als praktische Kopfbedeckung, mehr als Schutz gegen Regen, Sonne und Kälte, mehr als modisches Attribut. Er kann Berufs- und Klassenzugehörigkeit, Nationalität und Religion, kann Freiheit und Herrschaft signalisieren wie die Krone, die edelste Hut-Variation, kann aber auch Unterdrückung symbolisieren wie die Haube, unter die unsere Großmütter noch gebracht wurden. Kopfschmuck in jeder Form – dazu gehören auch die radikalen Punkfrisuren – ist die kühnste exponierte Form der Selbstdarstellung. Selbst im dichtesten Gewühl der Masse fällt ein verwegen behüteter Kopf immer noch auf.