ZDF, Donnerstag, 19. Mai: "Bürger fragen Bundespräsident Carstens", Gesprächsleitung: Reinhard Appel.

Natürlich ist es begrüßenswert, diese Selbstverständlichkeit vorweg, daß der Bundespräsident von Zeit zu Zeit mit den Bürgern im Fernsehen spricht. Es mag auch noch hingehen, daß, in Anbetracht von Scheu und Respekt hier und Amtsautorität dort, das, was Gespräch sein sollte, zu einem Wechselspiel von befangenen Fragen und allgemein gehaltenen Exkursen über demokratische Selbstverständichkeiten wird. Es könnte schließlich sogar hingenommen werden, daß der Nicht-Disput, dank des vorherbestimmten Rituals, den Charakter einer Unterweisung gewinnt, den ein höflicher und leutselig gestimmter Lehrherr seinen artig lauschenden Lehrbuben erteilt.

Widerspruch aber, ein entschiedenes Veto, ist dann geboten, wenn sich ein solches "Gespräch", wie geschehen, im Wormser Dom abspielt und, in Erinnerung an Luthers Verhör vor Kaiser und Reich, von der Wirkung des Reformators und den Fragen, die er unserer Zeit zu stellen hat, handelt. Dann nämlich kommen Grundfragen der Moral und des Glaubens ins Spiel, dann muß geistig und geistlich argumentiert werden, von gleich zu gleich, von Christenmensch zu Christenmensch – und eben dies mißlang in der Wormser Veranstaltung in einer Weise, die hanebüchen genannt werden muß.

Traurig und beklemmend war’s, wie Karl Carstens schlichtweg nicht verstand, daß ein großer Teil der Fragenden auf einer ganz anderen Ebene als der ihm zugänglichen argumentierte, daß Menschen, gut luthersch, von dem Bezugsverhältnis zwischen Gewissen, Geist und Glauben ausgingen, daß es um die Identität von Gott und christlichem Gewissen ging und nicht um irgendwelche flinken politischen Anwendbarkeiten reformatorischer Grundüberzeugungen. Gewissen! Widerstandsrecht! Freiheit eines Christenmenschen! Da war ein bitterernster Disput am Platz, ein für und – zum Beispiel in der Frage des Widerstandsrechts – auch gegen Luther geführter Dialog, mit lutherschem Ernst und lutherschem Spaß an gewaltigen Streitgesprächen – aber keine Abspeisung der Besorgten, Zweifelnden, Geängstigten mit politischer Allerwdtsrederei: "In einer Demokratie entscheide die Mehrheit." "In unserem Gemeinwesen ist das Gewissen als oberste Instanz anerkannt." (Was, wie unzählige Fälle beweisen, leider nicht stimmt.)

Vergeblich, das mit dem Mut der Verzweiflung durchgeführte Bemühen des Moderators Appel, dem Bundespräsidenten das geistliche Anliegen der Frager zu verdolmetschen: Karl Carstens blieb, so redlich er sich auch mühte, der Zugang zum Moralbereich verschlossen, den seine Partner (ach, sie waren es nicht und er nicht der ihre) im politischen Alltag realisiert wissen wollten.

Welch eine Chance, in dieser Stunde, an Luther und Barth anknüpfend, über Bürgergemeinde und Christengemeinde zu diskutieren, über den vom Christen zu erstrebenden Gleichnischarakter dieser Welt – Gleichnis, nicht Gleichung des Gottesreiches! Welch eine Chance – und wie erbärmlich vertan. "Ich finde es gut, daß wir einen Bundesstaat haben", "Industrie und Handwerk haben verläßliche Zusagen gegeben", "Selbstverwirklichung oder (!) Lustmaximierung oder wie das alles geheißen hat": Niveau eines die Manen Luthers beschwörenden Gesprächs!

Aber schlimmer noch als die politische Klippschulunterweisung – im Dom, wohlgemerkt, nicht in irgendeinem Bürgerhaus – war die in diesem Gespräch zutage tretende Einfalt auf reformatorischem Gefild: "Die Bedeutung Luthers für die deutsche Sprache ist immens"; "statt uns zu streiten und der Welt ein schlechtes Bild zu bieten, sollten wir lieber gemeinsam beten." (Und singen: "Ein feste Burg ist unser Gott" und die dritte Strophe des Deutschlandlieds.) Nicht streiten: Wo es doch, verehrter Herr Bundespräsident, der Sie an diesem Abend an Martin Luthers Statt saßen, nach Ansicht des Reformators zum ureigenen Wesen des Evangeliums gehört, daß es Streit und leidenschaftliche Auseinandersetzung provoziert: "Mir ist es sogar die angenehmste Erscheinung von allen zu sehen, daß wegen des Wortes Gottes Eifer und Streit entsteht. Dies nämlich ist der Lauf, die Ereignung und Wirkung des Gottesworts." Gesprochen von Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms.