Von René Drommert

Paris bleibt, trotz mancher erschreckender neuer Züge, erstaunlich. Welche Ausbrüche von Temperament, wenn Studenten ihre Studienmöglichkeiten gedrosselt sehen: Sie liefern, wie man kürzlich sah, der Polizei erbittert Straßenschlachten. Da könnte man einen Satz des großen Aphoristikers Joseph Joubert (1754 bis 1824) zitieren: "Die Franzosen könnten am schnellsten von der Welt verrückt werden, ohne den Kopf zu verlieren." Verblüffend bleibt auch die "Bandbreite" des Temperaments, die Varianten und Metamorphosen. Derselbe Staat, der leichtfertig drosselt, entwickelt in vielen Punkten Phantasie und Initiative, ganz zu Gunsten der geistigen Beweglichkeit seiner Bürger.

Im Gebiet der "Halles", im wörtlichen und im übertragenen Sinne über den einstigen Großmarkthallen im Herzen von Paris, ist etwas Neues etabliert, in nur zufälliger, nicht bedeutungsvoller Nachbarschaft zur Kirche Saint Eustache. Das Kulturdezernat nennt den neuen Komplex mit einem Understatement "Haus der Kulturinformation".

Information hat hier einen doppelten Sinn. Man wird künftig, mittels Computer und Bildschirm, mit verblüffender Geschwindigkeit (und hoffentlich auch entsprechender Zuverlässigkeit) Auskünfte erhalten Können über nahezu alle kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen, über Konzerte, Opern, Theater- und Tanzvorstellungen, Buchmessen und literarische Abende, Darbietungen der Akademien, Festivals, zeitweilige Ausstellungen in Ateliers, Museen und Palästen, Cabarets, einschließlich der Folies-Bergere. Oder auch Informationen über Kirchen, ständige Sammlungen, Wasserkünste. Eine ganz natürliche Beschränkung: Alles wird nur Paris selbst betreffen.

Aber: Außerdem wird das Kulturzentrum ("Maison d’information culturelle") auch mit eigener Aktivität hervortreten, es hat damit bereits begonnen. In den letzten Monaten gab es zum Beispiel im "Kunstpavillon" eine Ausstellung des französischen Bildhauers César (geboren 1921 in Marseille); er ist bekannt geworden durch Plastiken, die aus Schrott oder komprimierten Autokarosserien entstanden, später, von der Pop-art "angestoßen", auch durch Plastiken aus farbigen Kunststoffen – sehr weit von "Klassikern" entfernt, etwa von Maillol oder Rodin, dessen "Bürger von Calais" im Garten des Rodin-Museums durch Grünspan erschreckend entstellt sind.

Daneben ein "Haus der Poesie", wo im April eine Ausstellung Jean Tardieu (geboren 1903) gewidmet war. Tardieu schrieb surrealistische Lyrik und Theaterstücke mit experimentellen, an der Musik orientierten Strukturen. Das "Haus der Poesie" ist nicht als historische Einrichtung konzipiert, sondern als Stätte der Begegnung, der Veröffentlichungen, ein Ort, an dem die Produktion zeitgenössischer Lyrik ermuntert wird. Ein Konservatorium für junge Besucher, von sieben bis 25 Jahren, ist bereits eröffnet, es wird insgesamt 23 Disziplinen auf den Gebieten Musik, Tanz und Schauspielkunst umfassen und ist reserviert für nur vier zentrale Pariser Stadtbezirke. Eine Bibliothek für Kinder von vier bis 14 Jahren wird im Juni eröffnet.

Für die Zeit von 1984 bis 1988 sind unter anderem folgende Einrichtungen geplant oder schon vorbereitet: ein Auditorium, eine Videothek, eine Photohalle. Im Juni dieses Jahres wird für Kinder und Jugendliche auch ein Raum für Spiele verschiedener Kategorien eröffnet, in der Kategorie "logische Spiele" zum Beispiel für Schach.