Das Wort Holocaust hat mir den letzten Rest gegeben. In der reichen deutschen Sprache fand sich jahrelang kein Wort für die industrielle Vernichtung von Menschen, für den Mord an Unschuldigen, für das Grauen schlechthin. Jetzt hat man ein Wort gefunden: Holocaust. Das versteht wenigstens keiner, das klingt nicht schlimm, darunter kann man sich nichts Rechtes vorstellen. Und plötzlich erinnert sich das deutsche Volk an Einzelheiten, an Kleinigkeiten, an Details, die es vierzig Jahre lang geleugnet hat.

"Wir wußten nichts", habe ich immer gehört, und plötzlich, wie durch ein Wunder, erinnert man sich hierzulande. Irgendwie scheint das Gedächtnis der Deutschen anders zu funktionieren als unseres. Den Zeugen wird bei den Massenmordprozessen immer wieder vorgeworfen, daß sie sich nicht genau erinnern. Deswegen muß man die unschuldigen Mörder freisprechen, andererseits erinnern sich die Deutschen auf einmal an Vorgänge, die sie vorher nicht wahrgenommen haben wollen.

Mir kommt ein Streitgespräch in den Sinn, das ich mit meiner Mutter vor acht Jahren führte, bevor ich Lehrerin wurde. ... "Mama, wie konntest du hier leben? Warum hast du dieses Land nicht verlassen?"

"Wie ich hier leben konnte, fragst du? Auf der ganzen Welt gab es niemanden, der zu mir gehörte und zu dem ich gehörte. Wir waren zu schwach, um wegzugehen, um in einem anderen Land Fuß zu fassen. Und später überlegte ich, warum ich überhaupt weggehen sollte. Das hätte ihnen so gepaßt. Erst machen sie uns fertig und dann verschwinden wir. So einfach ist das nicht. Die Deutschen müssen sich von mir schon anhören, was ich von ihnen denke, und wenn es ihnen nicht paßt, dann sollen sie mich ausweisen oder einsperren."

Aus: "Dies ist nicht mein Land", erschienen 1980 bei Hoffmann und Campe

Nun macht Ihr die Juden nicht nur für alles Mögliche und Unmögliche verantwortlich, Ihr könnt einfach nicht von den Juden lassen. Daß Aufkläwitz nicht verhindert haben, macht Euch nicht stutzig. Und daß Ihr Euch heute wieder mit uns beschäftigen müßt, liegt natürlich an den Juden und nicht an Euch. Ihr merkt nicht einmal, daß Ihr wie ein in Schlamm und Geröll steckengebliebener Zug an genau der Stelle weitermacht, an der Eure Eltern aufhören mußten mit ihrem gescheiterten Versuch, das Weltjudentum aus der Welt zu schaffen. Die Endlösung der Judenfrage setzt Ihr nun mit ideologischen Mitteln fort; es geht Euch, wie allen Antisemiten vor Euch, um dieselbe Sache: Die Juden sollen aufhören, Juden zu sein, erst dann seid Ihr bereit, sie zu akzeptieren.

Und wenn Ihr meint, daß Ihr deswegen keine Antisemiten seid, weil Ihr Euch nicht als Antisemiten definiert, dann sage ich Euch: Es wäre nicht das erste Mal, daß die Angaben auf der Verpackung nicht mit dem Inhalt übereinstimmen.