Wo die Köpfe runterrollen – Seite 1

Fast die Hälfte aller entliehenen Videofilme haben Horror, Krieg und Action zum Inhalt

Von Klaus Pokatzky

Herr Stefen ist noch einen kleinen Moment verhindert, er sieht sich gerade einen Film an; ja, ich darf Herrn Stefen dabei wohl zugucken, er hat nichts dagegen. Herr Stefen sitzt klein und kugelrund in einem abgedunkelten Zimmer mit hohen Bücherregalen an den Wänden vor dem Video-Fernseher. Er ist lebhaft, freundlich und von fröhlichem Naturell: "Der ist gleich zu Ende; das Kind kriegt noch den Kopf abgeschlagen – und da die Treppe, da rollen gleich die Köpfe runter."

Herr Stefen guckt gerade, und das nun schon zum zweitenmal, Caligula – Aufstieg und Fall eines Tyrannen – in zwei Teilen zu jeweils 80 Minuten, erhältlich als farbige Video-Kassette in allen drei Systemen, in VHS, Beta, V 2000. "Sex, Gewalt, wahnsinnige Perversion", verheißt der Hersteller, die "Constantin Video", dem Betrachter, "unvorstellbare Ausschweifungen, Intrigen, Luxus und Laster".

Der Jurist Rudolf Stefen ist seit 14 Jahren Vorsitzender der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bonn. Während sich seine Vorgänger fast ausschließlich mit Bedrucktem befaßten – einem rutschte einmal in der Straßenbahn ein ganzer Stapel pornographischer Bilderheftchen aus der Aktentasche ("das hat den ganz schön mitgenommen") –, muß Stefen sich zunehmend mit der angeblichen und mit der offenkundigen Jugendgefährdung durch des Bundesbürgers neues Lieblingsspielzeug beschäftigen – Video. Von morgens bis abends sitzt er vor dem Videogerät und sieht sich nicht nur Pornos an, sondern auch die zahlreichen Streifen der Gattung "Zombies".

Seitdem hat er sich an abgehackte Köpfe ebenso gewöhnt wie an Vergewaltigungen aller Art und an Menschenfleisch, das auf dem Bildschirm von Kannibalen mit genüßlichem Schmatzen verspeist wird. Begriffe wie "Flagellantismus", "Sado-Masochismus" oder das schlichte Wort "Nuttengattung" gehen ihm genauso flott und locker über die Lippen wie die Filmtitel Hexen geschändet und zu Tode gequält, Nackt und zerfleischt oder Lebendig gefressen. Und damit er das alles auch weiterhin fröhlich genießen kann, hat ihm die sozial-liberale Koalition mit einer ihrer letzten Personalentscheidungen noch im vergangenen Oktober zu seinen damals sieben Mitarbeitern fünf Juristinnen bewilligt, die ausschließlich für den Video-Bereich zuständig sind.

Und das ist ein zukunftsträchtiges Feld. Videotheken, in denen man für ein paar Mark mehrere Filme ausleihen kann, schießen immer noch aus dem Boden. Mittlerweile gibt es davon rund 4000, und selbst Supermarkt-Ketten haben angefangen, Ecken für den Kassettenverleih einzurichten.

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In jedem zehnten bundesdeutschen Haushalt steht inzwischen eine Video-Anlage, zur Jahreswende waren es rund 2,4 Millionen Geräte. In diesem Jahr, so lauten die Schätzungen, sollen noch einmal 1,4 Millionen Apparate verkauft werden, und bis 1986 soll gar jeder zweite, wenigstens aber jeder dritte Haushalt video-bestückt sein. Da kommt kein Land der Welt mehr mit, selbst in den fernsehbesessenen Vereinigten Staaten kann nur jeder zwanzigste Haushalt sein heimisches Privatfernsehen per Video programmieren. 3,2 Milliarden Mark gaben die Bundesbürger im vorigen Jahr für ihren Video-Spaß aus, für Rekorder, Kameras und Kauf-Kassetten. Für eine weitere Milliarde liehen sie sich über 120 Millionen Mal Filme aus. Wählen konnten sie dabei aus knapp 4000 Titeln auf insgesamt 1,4 Millionen bespielten Kassetten.

Bis zum Kanibalismus

Fünfundvierzig Prozent des Umsatzes entfallen auf die Programmkategorien "Horror, Krieg, Action", darunter, wie die Bundesregierung eine Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion beantwortete, immer mehr Filme; "deren wesentlicher Inhalt in der zum Selbstzweck erhobenen Darstellung extremer Gewalttätigkeiten gegen Menschen besteht", etwa "brutale Quälereien und besonders grausame Tötungshandlungen bis hin zum Kannibalismus in lebensechten Tricksequenzen". Ein Viertel des Umsatzes machen die Video-Angebote zum Thema "Abenteuer, Krimi, Western aus, zwölf Prozent schlage in der Sparte "Erotische Filme" zu Buche, nur sieben Prozent sind "Kinder- und Jugendfilme", und Filme zur "Aus- und Weiterbildung" machen gerade zwei Prozent aus.

Noch höhere Wachstumsraten als die Videobranche haben in den letzten Jahren allerdings die Indizierungsanträge gegen "jugendgefährdende" Filme gehabt. Indizierung bedeutet, daß Rudolf Stefens Bundesprüfstelle nach einem gerichtsähnlichen Prüfverfahren Video-Filme in ihren "Index der jugendgefährdenden Schriften" aufnimmt. "Dazu zählen", so heißt es im "Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften", "vor allem unsittliche, verrohend wirkende, zur Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhaß anreizende sowie den Krieg verherrlichende Schriften" – aber auch "Ton- und Bildträger, Abbildungen und andere Darstellungen".

Die Bundesprüfstelle kann freilich nur auf Antrag tätig werden. Besonders rührig kümmert sich das Jugendamt der rheinischen Staat Neuss um die Video-Angebote. Im vorigen Jahr stellten die Rheinländer Indizierungsanträge für 744 Kassettentitel. Insgesamt wurden bisher 213 Video-Filme in den Index aufgenommen, 600 Verfahren sind noch in der Schwebe. Pro Monat kommen 20 neue Anträge hinzu, während gleichzeitig 60 von den Prüfungsgremien bearbeitet werden, in denen neben Stefens Mitarbeitern Vertreter der Länderregierungen und Delegierte sitzen, die der Bundesfamilienminister ernennt, darunter Repräsentanten der Jugendverbände und der Jugendwohlfahrt, der Kirchen, der Lehrerorganisationen, Verleger, Buchhändler, Kunst- und Schriftstellerverbände.

Die Prüfungsgremien können einen strittigen Titel nur mit Dreiviertel-Mehrheit auf den Index setzen. Das ist dann ein Verwaltungsakt, gegen den Einsprüche bis hin zum Bundesverwaltungsgericht möglich sind – was bei Druckschriften zwar öfter mal vorkommt, bei Videos allerdings so gut wie nie. Erst wenn das Verfahren rechtskräftig abgeschlossen ist, wird der indizierte Titel im Bundesanzeiger veröffentlicht, und von da an darf er vom Handel nicht mehr Kindern und Jugendlichen zugänglich gemacht, und es darf auch nicht mehr für ihn geworben werden – mit Ausnahme von speziellen Pornoabteilungen, die nur Leute über 18 betreten dürfen. An Erwachsene kann er genauso verkauft werden wie vorher – nur eben "unter dem Ladentisch".

Mit einer Änderung des Jugendschutzgesetzes, die noch vor der parlamentarischen Sommerpause in den Bundestag gebracht werden soll, will Bundesfamilienminister Heiner Geißler für die Videos eine Freiwillige Selbstkontrolle der Branche einführen, bei der sich, wie sein Staatssekretär Werner Chory erklärt, "die Länder wohl eine stärkere Stellung als bei den Kino-Filmen verschaffen – das wichtigste bei dem Entwurf: Dann gibt es endlich eine Prüfung, bevor die Dinger auf den Markt kommen" – was bei Kinofilmen ja grundsätzlich geschieht.

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Manche Video-Verleiher richten sich schon auf die anderen Zeiten ein. Horst Mittelsteiner vom Hamburger "Videoland", mit drei Filialen und 7500 Klub-Mitgliedern einer der größten Kassetten-Vermieter in der Hansestadt, wird beim geplanten Erweiterungsbau seines Hauptgeschäfts im Sommer von vornherein einen abgetrennten Raum "für Erotic, Horror und Hardcover-Porno machen – egal, ob die indiziert sind oder nicht, und Jugendliche kommen dann eben nicht da rein".

Schauervolle Stunden

Möglicherweise werden solche baulichen Veränderungen aber auch die einzigen Konsequenzen des Bonner Gesetzesvorhabens bleiben. Denn auch heute schon kauft kaum noch ein Video-Kunde eine bespielte Kassette, 95 Prozent des Umsatzes werden über den Verleih abgewickelt. Und "ernstzunehmende Videotheken", sagt Mittelsteiner, "nehmen ohnehin nur Erwachsene als Mitglied auf, schließlich vertraue ich denen Kassetten im Wert von bis zu 2000 Mark an, und wie soll ich an das Geld wieder herankommen, wenn Jugendliche die kaputtmachen oder verbummeln?"

An den Kern der Sache trauen sich die Bonner Gesetzesmacher denn auch gar nicht heran. Auch in Zukunft wird es daher möglich sein, daß sich volljährige Video-Klub-Mitglieder haufenweise mit der Bestie aus dem Totenreich oder dem Totenchor der Knochenmänner eindecken und sich zu Hause, mit oder ohne ihr Einverständnis, die zehnjährigen Töchter und Söhne, Nichten und Neffen ein paar schauervolle Stunden damit bereiten. So wie früher die Halbwüchsigen aus Vaters Schreibtisch ein pornographisches Heftchen fischten, wird die zweite Generation des Video-Zeitalters schon wissen, wie sie an die Zombies kommt.

"Es gibt beim Elternrecht eine Grenze, die man nicht überschreiten darf", sagt Staatssekretär Chory: "Das kann man nicht per Gesetz verbieten, daß die Eltern denen sowas zeigen – das können sie zu Hause auch gar nicht kontrollieren, was alles mit der Kassette passiert und wie die verwahrt wird." Weil aber nach der geplanten Gesetzesänderung die Kassetten doch alle ein Siegel haben werden, das die jeweils freigegebene Altersgruppe markiert, hofft Chory, "daß das doch eine gewisse Wirkung auf die Eltern hat".

Prüfstellen-Leiter Stefen mit düsterer Munterkeit: "Eltern dürfen ihre Kinder eben verderben."