Von Theo Sommer

Der Ausblick vom Weltwirtschaftsgipfel in Williamsburg ist nicht rosig. In der einstigen amerikanischen Kolonialhauptstadt umfängt die Staatsmänner eine zur Idylle geronnene Vergangenheit, mit vornehmen Herrenhäusern, altväterlichen Werkstätten und schmucken Trachten. Aber die Welt jenseits des historischen Freilichtmuseums hat nichts Idyllisches an sich. Um den Gipfel treiben dunkle Wolken.

Ratlosigkeit herrscht im Siebener-Kreise zumal angesichts der wirtschaftlichen Lage. Arbeitslosigkeit ist allenthalben zur Plage geworden: 34 Millionen Menschen sind in den demokratischen Industriestaaten ohne Arbeit; die Plage ist dort am größten, wo der Kampf gegen die Inflation am erfolgreichsten war. Der Welthandel ist im vergangenen Jahr um zwei Prozent zurückgegangen (um sechs Prozent nach seinem Dollarwert). Überall wächst der Hang zum offenen oder verschleierten Protektionismus; fast jeder versucht, mehr zu exportieren und weniger zu importieren. In der Dritten Welt tickt eine Schuldenbombe, die das Bankensystem in die Luft sprengen könnte.

Gewiß, erste Anzeichen eines Aufschwungs sind zumal in den Vereinigten Staaten zu bemerken. Aber noch bleiben die realen Zinssätze viel zu hoch, als daß sich jetzt schon auf die Dauerhaftigkeit und Stetigkeit dieses Aufschwungs bauen ließe – und wenn die amerikanischen Haushaltsdefizite sich weiterhin um 200 Miliarden Dollar jährlich bewegen, werden die Zinsen schwerlich weiter fallen. Ohnedies wird den Verantwortlichen von Tag zu Tag klarer, daß ein Wiederanspringen der Weltwirtschaft – selbst wenn es denn kommt – nur langsam zum Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen kann.

"Wachstum ist nicht alles", sagte unlängst ein westdeutscher Banker vor einer internationalen Konferenz, "aber ohne Wachstum ist alles nichts." Die Analyse ist unbestreitbar. Doch bleibt sehr die Frage, ob die Sieben am Gipfel daraus die richtige Konsequenz zu ziehen vermögen: eine konzertierte Aktion zu starten, bei der jeder nach seinen individuellen Notwendigkeiten handelt, alle aber nach den kollektiven Bedürfnissen der industrialisierten Welt auf eine anhaltende Wirtschaftsbelebung hinarbeiten. Sie müßte auch zugleich die Dritte Welt der jungen Staaten einbeziehen, deren zügige Entwicklung auch den alten Industrieländern frische Wachstumsimpulse geben könnte.

Aber die sieben Chefs werden sich in Williamsburg nicht nur mit Wirtschaftsproblemen befassen können; sie müssen versuchen, auch ihr Bild der Weltpolitik zu vereinheitlichen. Da hapert es gerade im amerikanisch-europäischen Verhältnis. Wie soll der Westen dem kommunistischen Ostblock gegenübertreten? Welche Rolle spielt die Rüstungskontrolle neben der Rüstung Die Zusammenarbeit mit Moskau neben der Sicherung vor Moskau? Der ununterbrochene Osthandel neben der ständigen Sanktionsdrohung?

Ronald Reagans Ideologen sehen die Dinge sehr eng. Sie hängen einem schlichten Freund-Feind-Bild an, in dem für Differenzierung und Grautöne wenig Platz ist. An der Weltwirtschaftskrise bemängelte der stellvertretende US-Außenminister Dam vor allem, daß sie "die Fähigkeit des Westens beeinträchtigt, der sowjetischen Aufrüstung Gleiches entgegenzusetzen, und Westeuropa anstachelt, sich mehr vom Handel mit Osteuropa und der Sowjetunion abhängig zu machen". Die meisten Europäer sehen das Ost-West-Verhältnis nuancierter; wie übrigens viele Amerikaner ja auch. Für sie ist das russische Imperium nicht bloß das "Reich des Bösen" (Reagan), vor dem sie auf der Hut sein müssen, sondern eine Großmacht, mit der eine Koexistenz vereinbart, organisiert, befestigt werden muß.