Von Heinz Abosch

Daß Rudolf Hilferding der bedeutendste Theoretiker der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik war, daß er den Parteikurs entscheidend prägte, daß er zweimal Reichsfinanzminister und auch noch ein überzeugter Marxist war: dies alles ist fast vergessen. Auch daß Politiker über großes theoretisches Wissen verfügen und ihr Handeln damit zu koordinieren suchen, ist angesichts des heute übermächtigen Pragmatismus eher ungewöhnlich. Darüber nachzudenken bietet Gelegenheit:

Cora Stephan (Hrsg.): "Zwischen den Stühlen oder über die Unvereinbarkeit von Theorie und Praxis. Schriften Rudolf Hilferdings 1904 bis 1940"; Verlag J. H. W. Dietz Nacht, Berlin/Bonn 1982; 336 S., DM 29,80.

1877 in Wien geboren, kam Hilferding nach dem Medizinstudium 1906 an die sozialdemokratische Parteischule in Berlin, wurde Vorwärts-Redakteur und erwarb hohe Anerkennung mit seiner Untersuchung über Das Finanzkapital; sogar Lenin rühmte sie. Der Schüler Karl Kautskys suchte die marxistische Doktrin den neuen gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen, wozu die Annahme des Parlamentarismus und der demokratischen Grundregeln gehörte. In der Bebeischen Sozialdemokratie gehörte Hilferding zum "marxistischen Zentrum", das sowohl den Revisionismus Eduard Bernsteins als auch den Radikalismus Rosa Luxemburgs bekämpfte.

Als Kriegsgegner gehörte er 1914 zum linken Flügel, der 1917 die "Unabhängige Sozialdemokratie" gründete. Auf dem USPD-Parteitag in Halle 1920 trat er in einer großen Rede dem angereisten Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, Sinowjew, entgegen, um den Anschluß an die von Moskau gelenkte Organisation abzulehnen. 1922 kehrte Hilferding in die SPD zurück, 1923 und zwischen 1928 und 1930 war er Reichsfinanzminister; 1933 emigrierte er nach Frankreich. Die Petain-Regierung lieferte Hilferding am 9. Februar 1941, gemeinsam mit Rudolf Breitscheid, der Gestapo aus. Drei Tage später starb Rudolf Hilferding, unter ungeklärten Umständen, in der Pariser Hart