Von Margrit Gerste

Du kannst dir das Ding umhängen oder um den Kopf schlingen, ein Kind darin tragen oder die Papierflut des Kirchentages hineinstopfen; du kannst es aus dem Fenster hängen oder an einen Stock binden und wie eine Fahne im Wind flattern lassen; du kannst es auch zusammenknüpfen zu Zehntausenden zu einem Friedensnetz. Du sollst es aber vor allem tragen wie eine Einladung an jene, die es nicht tragen: Mich kannst du ansprechen und nach meiner Entscheidung fragen, und ich werde dir Auskunft geben.

Ach ja, das lila Tuch: Über nichts ist bislang soviel gestritten und geschrieben worden wie über diesen Einfall der christlichen Friedensgruppen, die den Evangelischen Kirchentag in Hannover vom 8. bis zum 12. Juni mittragen und in ihrer erstaunlichen Mischung aus Frömmigkeit und entschiedenem politischem Engagement wahrscheinlich bestimmen werden.

Die einen, eben ihre Erfinder, betrachten die Tücher in der Farbe der Buße und Umkehr als ein Mittel der Dauerdemonstration, ja als einen Stimmzettel für das aufgedruckte Motto: „Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen.“ Die anderen, allen voran zwei niedersächsische Bischöfe, nehmen das Tuch zum Vorwand, sich auszuklinken aus einem Ereignis, das nicht mehr von synodalen Grauköpfen bestimmt wird, sondern von sanftmütigen Jugendbewegten, von öko-Freaks und Friedensfrommen. „Friedensfestival“ nennen sie es angeekelt. Beide berufen sich allerdings auf Jesus und die Bibel und was einem sonst noch heilig ist.

Die Heiligen und die Scheinheiligen – werden sie den Kirchentag in zwei Lager zerreißen, Menschen abstempeln zu wahren Friedensengeln und eigentlichen Kriegstreibern?

Nein. Längst sind Vernunft und Frömmigkeit, politisches Engagement und politische Kultur im Umgang miteinander ganz wundersam zusammengeflossen zu Kompromissen, Einsichten, Rücksichtnahmen. Beim Kirchentag ist das noch möglich.

Er ist nicht abhängig vom Geld der Evangelischen Kirche Deutschlands und daraus abgeleiteten Ansprüchen protestantischer Hierarchen. Er hat nicht den Anspruch, die ganze evangelische Kirche zu repräsentieren. „Eine solche Institution, die das von sich sagen kann, gibt es nicht mehr“, sagt Kirchentagspräsident Erhard Eppler. Das Ungleichgewicht – ältere Herrschaften in den Synoden, die Jungen sehr aktiv, aber dort nicht vorkommend – wird sich auch auf diesem Kirchentag manifestieren. Spätestens seit dem Hamburger Kirchentag vor zwei Jahren rufen die Jungen, die, die so heftig nach dem inneren und äußeren Frieden suchen: Es gibt uns auch!