Von Rolf Michaelis

Die letzten Jahre müssen ihr schwer geworden sein. Kränkelnd, gebrechlich, im Rollstuhl – wie muß sich eine Schriftstellerin da fühlen, die 1965 der anderen, der jüngeren bekannten Autorin der DDR, Christa Wolf bekannt hat: "Am allerliebsten schreibe ich auf einem Schiff oder in einem ganz vollen Café"?

Nun ist sie, am Abend des 1. Juni, in Ost-Berlin gestorben, im Alter von 82 Jahren, die berühmteste Schriftstellerin der DDR, eine der großen Gestalten der Literatur in diesem Jahrhundert, die in der ganzen Welt bekannteste Autorin deutscher Sprache: Anna Seghers, geboren am 19. November 1900 als Netty Reiling, einzige Tochter eines Kunsthistorikers und Antiquitätenhändlers in Mainz, der – so liberal war das Deutschland am linken Rheinufer einmal – als orthodoxer Jude keine Schwierigkeiten hatte, Kustos zu werden für die Kunstsammlungen des Mainzer Doms.

Strenge Gläubigkeit und großbürgerliche Bildung, vor allem in Kunstgeschichte, haben diese Frau, ihren literarischen und politischen Lebensweg stärker bestimmt, als es viele ihrer Biographen wahrhaben wollen. Die Studentin der Kunstgeschichte, die 1924 in Heidelberg mit einer Doktorarbeit über "Jude und Judentum im Werk Rembrandts" promoviert hatte, 1925 den ungarischen Soziologen und Schriftsteller László Raavanyi heiratete, wählte im März 1927 für ihre erste literarische Arbeit, die Erzählung "Grubetsch" in der Frankfurter Zeitung, als Pseudonym den Namen eines Graphikers der Rembrandt-Zeit – Hercules Seghers.

Seit diesem literarischen Debüt gibt es, bis heute, zwei Urteile über diese Autorin. Weil die Mainzerin auch ihr erstes Buch, die Erzählung "Aufstand der Fischer von St. Barbara", unter dem vornamenlosen Künstlernamen Seghers erscheinen ließ (Seghers mit einer Anneken van der Brüggen verheiratet), suchten hinter der harten, kalten, strengen Sprache der ersten Geschichten manche Rezensenten einen Mann als Erzähler. Erst Hans Henny Jahnn, der ihr für den "Aufstand" die am höchsten angesehene literarische Auszeichnung der Weimarer Republik, den Kleist-Preis, verlieh, sprach von der Schriftstellerin Anna Seghers.

Mit der ersten "offiziellen" Würdigung kommt ein bis heute gültiges Mißverständnis in die Welt. Jahnn, "große Klarheit und Einfachheit der Satz- und Wortprägung" von Anna Seghers rühmend, beruhigt seine – und ihre – deutschen Landsleute gleich mit der Versicherung: "Alles, was als Tendenz erscheinen könnte, verbrennt in einer leuchtenden Flamme der Menschlichkeit."

Die Beschwichtigung schien nötig: Im selben Jahr hatte die Autorin mit ihrem Namen sich in die Literatur – und in die Kommunistische Partei Deutschlands eingeschrieben.