ZDF, Montag, 13. Juni, 21.20 Uhr: „Regentropfen“ von Michael Hoffmann und Harry Raymon

Der kleine Bennie Goldbach versteht die Welt nicht mehr. Er quengelt, er bettelt, aber die Eltern haben kein Einsehen. Zum Pesach-Fest darf er in diesem Jahr keine Mazza, ungesäuerte Brote, an Verwandte und Bekannte verteilen. Es ist das Jahr 1933, und auch in der kleinen Stadt Kirchberg im Hundsrück spürt man bereits, was die neuen Machthaber in Berlin sich ausgedacht haben, um die jüdische Bevölkerung zu bedrohen. Die Ohrfeige, die eine jüdische Geschäftsfrau einem mit Heil Hitler grüßenden Jungen verpaßt, führt zwar noch nicht zur Bestrafung, die Zeichen der Zeit jedoch werden mehr und mehr spürbar: Uniformierte postieren sich vor jüdischen Geschäften, der Fleischer darf jüdischen Bewohnern nichts mehr verkaufen, und auf der Straße schaut man rasch zur Seite, wem man der Familie Goldbach begegnet.

Das Thema, jüdisches Kleinbürgerschicksal, ist nicht neu. Die 1979 gesendete amerikanische „Holocaust“-Serie war spektakulär, aber effektsüchtig. Peter Lilienthals „David“ bleibt als ernst und etwas spröde in Erinnerung, Ottokar Runzes „Stern ohne Himmel kämpfte gegen die Klischees. „Regentropfen“ dagegen, der erste Spielfilm der beiden Schauspieler Harry Raymon und Michael Hoffmann, ist, wie auch „Die Geschwister Oppermann“ von Egon Monk, der zu Beginn des Jahres gesendet wurde, weder spektakulär noch spröde. Er bleibt ganz nahe bei seinen Figuren und legt auf Nuancen mehr Wert als auf imposante Schauelemente. Und, das vor allem ist neu, er hat auch ganz heitere, alltägliche, ironische Momente.

Die Goldbachs sind keine hehre, nur leidende Familie. Alle sind fröhlich und ausgelassen, beim jüdischen Pesach-Fest ebenso wie bei der christlichen Fastnacht. Sie haben Familienzwistigkeiten und viele kleine Sorgen. Dies wirkt so glaubhaft, weil die Regisseure ihre Figuren, für die übrigens die Familie Harry Raymons Vorbild war, Dialekt sprechen lassen, der mit jiddischen Ausdrücken durchsetzt ist. Atmosphärisch erinnert „Regentropfen“ an den amerikanischen Film „Hester Street“ von Joan Micklin Silver, der das Milieu ostjüdischer Einwanderer in New York zeigt. Weitere Verwandtschaften zwischen beiden Filmen freilich gibt es nicht, denn, so Harry Raymon, „die Ostjuden haben ja alles getan, um ihre Identität zu halten, während die deutschen Juden alles getan haben, um sich zu integrieren“.

Das ist auch der Grund, warum der kleine Bennie, aus dessen Perspektive die Regisseure das Geschehen zum Teil erzählen, die Veränderungen in seinem Leben zunächst nicht begreift. Allmählich jedoch, als er „Juddebub“ gerufen wird und der hakennasige Pappmachejude während eines Karnevalumzugs seine Aufmerksamkeit findet, versteht er. Da bekommt auch das Schild an der Kinokasse „Für Juden keinen Zutritt“, das er so oft unbeachtet ließ, für ihn Bedeutung.

Zwar konzentriert sich der Film auf das Schicksal der Familie Goldbach, aber er wirft zugleich ein Licht auf die Auswanderungssituation für jüdische Bürger zu Beginn des Hitler-Regimes. Die Goldbachs sind, um weniger aufzufallen, in die Großstadt Köln gezogen, um dort auf die Ausreisepapiere nach Amerika zu warten. Sie leben mit vielen anderen Juden – eigenwilligen, introvertierten, skurrilen und kulturbeflissenen – in einer Pension wie in einer Enklave.

Das Schicksal der Familie Goldbach bleibt – scheinbar – offen. Bennies Vater erhält kein Visum, weil er eine verkapselte Tbc hat. „Wir schaffen es schon“, sagt er, „vielleicht über Kuba.“ Aber die Geräusche, die man zum Abspann hört – Hundegebell, Trillerpfeife, Zugrattern –, lassen das Unheil ahnen. Anne Frederiksen