Von Manfred Sack

Es ist ja nicht so, daß ihn alle Welt kennte. Auch gebildete Mitmenschen werden es nicht leicht haben, im Fundus ihrer Belesenheit seinen Namen auszukramen, wenn sie nicht gerade diesem Fach anhängen, das in den letzten Jahrzehnten weniger durch Glanz und Gloria als durch Schimpf und Schande seine fadenscheinige Popularität bekommen hat, der Architektur.

Doch wer ihm auch nur einmal begegnet ist, ihn reden gehört, sich mit ihm unterhalten oder ihn gelesen hat, war schon dabei, sein fan zu werden – eine saloppe, aber nicht unpassende Beschreibung der Sympathie, die dieser junge Herr im Alter von 78 Jahren weckt, manchmal wohl zu seiner eigenen Überraschung. Er heißt Julius Posener.

Seine Profession ist die (bis in die Gegenwart herüberlangende) Baugeschichte, seine Passion, sie zu lehren, sein Talent, damit auch ein störrisches Publikum zu faszinieren. Man hat den Eindruck, daß ihm der kritische Umgang mit der Architektur mächtig Spaß macht. Und das ist auch der Anlaß dieser Vorstellung: Am 21. Juni verleiht ihm der BDA, der Bund Deutscher Architekten in Köln seinen Kritikerpreis.

Julius Posener ist ein Architekt, der bald wußte, daß er nicht wirklich einer ist. Er ist Historiker, der die Baugeschichte erst wirklich lernte, als er sie zu lehren aufgerufen war. Geschrieben hat er schon bald. Seine eigentliche Begabung aber hat er erst spät begriffen, als er schon Anfang vierzig war, nämlich: "Ich wollte Schulmeister werden." Und da, wo der Normalmensch gierig nach seinem Ruhestand Ausschau hält, begann er erst so richtig, von sich reden zu machen: ein Spätentwickler, einer, der dem in Managerkreisen gebräuchlichen Vorurteil Hohn spricht, der Mensch höre mit vierzig auf, interessante Einfälle zu haben. Posener fing mit sechzig an, und wie! Ein Posener ein Opponent, ein insistierender Kritiker, ein großer Lehrer und ein renitenter Bürger.

Sein Lebenslauf begann normal. Er ist der Sohn eines Berliner Malers und einer (begüterten) Pianistin, jüngster von drei Söhnen. Die Mutter sah in ihm einen Verlagsbuchhändler, sein Zeichenlehrer einen Maler, er selber sah sich nach der Lektüre der Französischen Revolution als Historiker. Als die Eltern sich 1909 eine große helle Villa bauten, zog ihre Architektur des Knaben Neugier auf sich, und so ergab sich dann der beliebte Kompromiß: wenn schon kein Maler, dann, wenigstens, Architekt.