I.

No pasarán steht in großen Lettern an Hauswänden in Managua zu lesen. So lautete die Losung im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Francisten. Sogar auf ihr Gipsbein hat sich ein junges Mädchen aufgemalt: No pasaran – Sie werden nicht durchkommen. Nicht durchkommen sollen die Eindringlinge an den Grenzen im Norden (Honduras), die „Contras“ und die Ex-Sandinisten im Süden (Costa Rica). An beiden Seiten Nicaraguas sind sie aufmarschiert, um die Revolution mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: Guerilleros.

Nach dem Sturz des Diktators Somoza im Jahre 1979 war dieses – mindestens zu Beginn wohl einzigartige – revolutionäre Experiment unter dem Namen des nationalen Freiheitshelden Sandino begonnen worden. Augusto César Sandino hatte Nicaraguas Souveränität gegen die Vereinigten Staaten erkämpft; 1934 ermordete ihn die Guardia Nacional, das Heer, das dann über 40 Jahre das Regiment der Somozas absicherte.

Die Stimmung, so hat der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes die Eindrücke seines jüngsten Besuchs in Nicaragua zusammengefaßt, gleiche der von Prag 1968 – vor der sowjetischen Intervention, nach dem kurzen Glück der Freiheit. Noch mehr drängt sich die Parallele zur Endzeit von Salvador Allende in Chile auf.

Wer Nicaragua nach 14 Monaten wiedersieht – damals war eben der Ausnahmezustand verhängt worden, der jetzt um ein Jahr verlängert worden ist – spürt rasch, wie die Revolution ums Überleben kämpfen muß. Nicaragua hat zur Zeit El Salvador als Krisenzentrum der Region abgelöst, aber das Schicksal der beiden Länder ist eng miteinander verknüpft.

Auch in El Salvador läßt sich nichts von Entspannung erkennen. Die Todesschwadronen morden weiter, während die Regierung, obzwar „gewählt“, eher als Fassade wirkt. Wenn das so andauere mit dem Morden, hat Weihbischof Gregorio Rosa Chavez gewarnt, werde das Land „bald keine Jugend mehr haben“. Die Opposition gewinnt an Boden und trägt zur Zeit den Konflikt wieder in die Hauptstadt hinein: Zuletzt ist ihr einer der 55 US-Militärberater, Kapitänleutnant Albert Schaufelberger, zum Opfer gefallen.

Die Contadora-Gruppe – Mexiko, Venezuela, Kolumbien, Panama – sucht verzweifelt nach einem lateinamerikanischen Weg zum Frieden und zur Stabilität und drängt gemeinsam mit der Sozialistischen Internationale (SI) und dem spanischen Regierungschef Felipe González auf einen Abzug aller ausländischen Militärberater; unterdessen verschärft Washington die Gangart seiner Politik. Das heißt: Nicaragua mit aller vorhandenen Macht destabilisieren, El Salvador mit aller Macht stabilisieren. Thomas O. Enders, bisher Leiter der interamerikanischen Abteilung des US-Außenministeriums, ist ebenso wie der US-Botschafter in San Salvador, Deane Hinton, aus politischen Gründen abgelöst worden. Sie sind beide keine Tauben, doch sie plädierten, realistisch genug, wenigstens für Verhandlungen, auch mit der Guerilla-Bewegung in El Salvador, gleichzeitig aber für militärische Härte, hier wie in Nicaragua.

Der amerikanische Präsident jedoch möchte mit stärkerem militärischen Engagement hier wie dort das Problem „lösen“. Vor allem richtet sich seine Politik gegen Kuba und Nicaragua, die er als „Drahtzieher“ ansieht. Mittelamerika, so das Credo Reagans, dürfe kein „zweites Kuba“ werden.

II.

Von den Vereinigten Staaten unterstützt und ausgebildet, dringen seit 15 Monaten aus Honduras die Contras vom Norden nach Nicaragua ein. Ein amerikanischer Kenner schätzt ihre Zahl auf mindestens 5000. Der Führungskader setzt sich aus alten Somoza-Soldaten zusammen, die nach dem Sieg der Sandinisten ins Ausland geflohen sind.

Reagan nennt die Contras Freiheitskämpfer. Sie gelten als spendabel mit Dollars – und als brutal. nen ist auch der deutsche Arzt und Entwicklungshelfer Albrecht Pflaum zum Opfer gefallen.

Zufrieden hat ein Experte der Regierung in Washington bilanziert: Dank der Contras und der „verdeckten“ Operationen des Geheimdienstes CIA seit dem letzten Oktober verfüge man nun über einige Verhandlungs-Chips.

In der Grenzregion operieren darüberhinaus noch annähernd 2000 Miskito-Indianer gegen die Sandinisten. An deren Feindschaft ist die Regierung in Managua nicht unschuldig. Die Comandantes haben hier schwere Fehler gemacht. Sie wollten die Revolution auf ihre Weise in den Urwald importieren: Die Indianer sollten lesen und schreiben lernen; meist kubanische Lehrer brachten ihnen die spanische Sprache bei; eine Verwaltung ist ihnen aufgepfropft worden; der kleine Grenzverkehr, von dem viele lebten, wurde unterbunden. Ganze Dörfer wurden zwangsumgesiedelt. Somoza hatten sie nicht geliebt, aber auch nicht gespürt. Jetzt gab sich ihnen die Revolution als autoritäre Zentralmacht zu erkennen. Das macht nicht populär.

Im Süden kämpft Eden Pastora. Er steht an der Spitze der Exilorganisation ARDE (Alianza Revolucionaria Democrdtica). Pastora ist nicht irgendwer. Als Comandante Zero zählt er zu denen, die 1978 in einem großen Coup den Nationalpalast besetzten, 1500 Menschen als Geisel nahmen und damit 58 politische Häftlinge befreiten. Seine Aktion hatte das Ende Somozas eingeläutet.

„Pastora, komm wieder“, stand noch vor gut einem Jahr auf Wänden in Managua zu lesen. Jetzt kommt er wieder – aber als „Verräter“, wie ihn seine ehemaligen Kampfgefährten beschimpfen. Das Gleiche wirft er freilich der sandinistischen Regierung vor. Sie habe die wahren Ziele der Revolution – Pluralismus, Blockfreiheit, gemischte Wirtschaft – verraten.

Auf die Showseite der Guerilla hat sich Eden Pastora offenbar immer verstanden. Im Dschungel läßt er sich jetzt – seit 23 Jahren Revolutionär – als Befreier feiern. Er komme, kündigt er an, um den „wahren Sandinismus“ wieder einzusetzen. Alle demokratischen Völker der Welt ruft er auf: „Gebt uns die Waffen, die notwendig sind für die nicaraguanischen Campesinos, um die Ziele der Revolution zu erfüllen.“ Sandino, predigt Pastora, habe niemals die russische, kubanische oder bulgarische Intervention in Nicaragua gewollt, wie er auch die Vorherrschaft Nordamerikas nicht wollte. Die Reporter von Newsweek, dem kanadischen Fernsehen und NBC, die ihm in die Grenzregion gefolgt sind, haben viel mitzuschreiben und zu filmen.

Costa Rica dient Pastora als Ausgangsbasis. Die Grenze läßt sich schwer kontrollieren. Das Land ist aus wirtschaftlichen Gründen auf amerikanisches Wohlwollen angewiesen. Die Sandinisten sind dort nicht sonderlich beliebt. Die Contadora-Gruppe hat ein paar zivile Kontrolleure eingesetzt, was symbolisch ausdrücken soll, daß die beiden Nachbarstaaten ein Arrangement suchen.

Wie immer Eden Pastoras militärische Chancen eingeschätzt werden, wenn einer wie er an vorderster Stelle gegen die Freunde von einst kämpft, dann stellt er die Legitimität der Regierung zur Debatte. Darin steckt die wirkliche Sprengkraft seiner Aktionen. Denn allein auf militärischem Wege sind die Sandinisten vermutlich nicht aus dem Sattel zu heben. Es sei denn, die Amerikaner marschierten ein, was es in der Geschichte Nicaraguas schon öfter gegeben hat. Das wäre dann allerdings wirklich ein „zweites Vietnam“, das es nach Reagan nicht geben soll.

Hinter der bisherigen Zögerlichkeit stecken allerdings handfeste militärische Überlegungen. Anders als in Vietnam äußern sich nämlich viele Generäle skeptisch über die Siegeschancen. Im Herbst vorigen Jahres warnte Oberstleutnant John H. Buchanan vor dem Senat, der diese Aussichten untersuchen sollte, militärisch sei bei den gegebenen Einschränkungen des amerikanischen Kongresses Nicaragua nicht zu besiegen, soviele Honduraner von den Vereinigten Staaten dafür auch ausgebildet werden; der Krieg in El Salvador sei ohne Einsatz von Mitteln, die alle bisherigen Dimensionen sprengen, nicht zu gewinnen. Im übrigen setzte Buchanan nicht gerade zimperlich hinzu: Welche lohnenden Ziele gibt es in dem vom Erdbeben zerstörten Managua denn schon?

Wenn es dennoch zu einem Angriff käme, hätten die Eroberer von der ersten Stunde an eine neue, unübersehbare große Widerstandsbewegung am Hals. Das behauptet jedenfalls der starke Mann von Managua, Innenminister Tomas Borge. Und es entspricht offenkundig einer verbreiteten Stimmung.

Wie auch immer: Die Sandinisten beugen vor. Gegen die Eindringlinge an den Grenzen setzen sie vorwiegend Milizen ein, nicht das Berufsheer. Das Volk soll die Antwort erteilen. Und die Zweifelnden sollen darüber wieder zurückgewonnen werden. Ein Abend im „Barrio Ariel Darce“, einem der ärmeren Viertel Managuas: Die drei Chefs der Junta appellieren, wie sie das schon seit Wochen im ganzen Land machen, an die revolutionären Impulse. Der Festsaal der Schule ist überfüllt, das Fernsehen filmt und sendet lange Ausschnitte. Auf den ersten Blick ähnelt die Veranstaltung einer nationalen Trimm-dich-Aktion, Durchhalteparolen von oben, die unten bejubelt werden. Die Wände sind mit überlebensgroßen Bildern dekoriert: den Revolutionsheiligen von Sandino bis Che Guevara. Un solo ejercito, ein einziges Heer, so skandiert der ganze Saal. Solche Schlagworte wollen die jungen Comandantes in dieser Lage hören.

Denkt daran, beschwört Junta-Mitglied Daniel Ortega die Versammelten, daß die Kämpfe gegen Amerika schon 1870 begonnen haben. Denkt daran, daß das Zusammenspiel Washingtons mit den Somozisten „mehr Blut und Opfer von unserem Volk fordert“.

Mit wirtschaftlichem Druck, ergänzt Sergio Ramirez, der Konziliante in der Junta, solle die militärische Aktion begleitet werden. Zum Glück, sagt er, sei Kuba eingesprungen, als Washington fast den gesamten Zuckerimport – bisher 58 000 Tonnen – gestrichen hat. Auch Frankreich habe angeboten, als Abnehmer einzuspringen, eine Botschaft, die von Jubel begleitet wird.

Die ökonomische Lage in abhängigen Ländern der Dritten Welt ist ohnehin schlecht, für Nicaragua gilt das besonders. Auch deshalb sind die Chancen dieses Experiments bedroht. Nicaragua ist mit 2,9 Milliarden Dollar verschuldet, mit 580 Millionen davon steht das Land bei US-Banken in der Kreide. Das bedeutet Zinsen von 30 bis 40 Millionen Dollar jährlich. Die amerikanischen Banken verweigern neue Kredite – ohne Druck aus Washington, wie sie beteuert haben. Aber: Es sei ihnen die Situation in Nicaragua geschildert worden und auch, was die Regierung von den Risiken halte. Die Auskunft habe genügt.

Amerikanische Gesprächspartner, die das Land genau kennen, denken offen auch über weitere Sanktionen nach. Nach dem Stopp für den Zucker könne einer für Fleisch, Bananen, Kaffee folgen oder „für alles zusammen“. Immerhin 28 Prozent des Exports der Nicaraguaner gehen in die Vereinigten Staaten.

Vor allem wird das sandinistische Experiment an den inneren Zuständen gemessen, die freilich von den äußeren Rahmenbedingungen abhängig sind. Gewiß, die Revolution gerät in Gefahr, hierarchisch zu erstarren, immer öfter auch zu dogmatischen Leerformeln zu greifen. Die Presse wird – oft dilettantisch – zensiert. Mit der Kirche springt die Junta härter um, sofern sie nicht zur Volkskirche zählt. Es gibt politische Häftlinge. Gelegentlich hat die Nervosität im Lande zu Exzessen geführt.

Mit solchen Argumenten rechtfertigten Politiker in Washington und amerikanische Repräsentanten in Managua heute die Droh- und Destabilisierungspolitik. Die Vereinigten Staaten hätten doch versucht, resümiert ein Amerikaner, der ungenannt bleiben will, mit dem neuen Phänomen zu leben. Nicht sie, sondern die Revolution habe sich wegbewegt. Die Sandinisten wären nicht den „portugiesischen Weg“ gegangen. Den hätten aber die Menschen gewollt. Zudem sei die Revolution mit Panzern aus der Sowjetunion und einem Milizsystem militarisiert worden. Eine Revolution ohne Revolution – so paradox es klingt, das wäre es wohl, was Washington sich gewünscht hätte.

Die inneren Verhältnisse entziehen sich einfachen Begriffen. Tatsächlich gibt es Hierarchisierung und Bürokratisierung, aber ebenso scheint zu stimmen: Der Beamtenapparat ist nicht korrupt, wie er es unter Somoza war, die Polizei verhält sich korrekt, gemessen an der Zeit vor 1979 ein Wunder. Und gemessen an den Verhältnissen in der DDR, die ihr Überwachungssystem nach Nicaragua exportieren will, scheinen die Zustände hier geradezu leger.

Aber: Was ist mit den versprochenen, freien Wahlen? Was wird aus dem Parteiengesetz? Ihrem Gesprächspartner Hans-Jürgen Wischnewski beteuern die Sandinisten, die Gesetze sollten noch im Dezember dieses Jahres verabschiedet werden. Sie wissen: Von Washington bis zur Sozialistischen Internationale wird in der Regel „Freiheit“ an Wahlen bemessen.

Schwer zu sagen, wie kluge Beobachter meinen, ob das nicaraguanische Volk auf Wahlen dränge. Überhaupt, was bedeuteten Wahlen in Lateinamerika? Wenn sie stattfänden, dann wohl vor allem, weil sie ein Mittel zur außenpolitischen Befriedung sind. Hätten die Sandinisten nach der Revolution gewählt, wären ihnen 90 Prozent der Stimmen in den Schoß gefallen. Sie haben damals solche Jubelwahlen – mit Recht – für falsch gehalten.

Wenn es zu Wahlen kommt, werden die Comandantes dann jedes Resultat respektieren? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Sergio Ramirez meint: Die Sandinisten würden sich zurückziehen, wenn die andere Seite die Mehrheit gewänne. Andere argumentieren: Auch eine Wahl dürfe die Uhr nicht hinter die Zeit der Revolution zurückdrehen. So ist es bei Tomas Borge herauszuhören. Wahlen „wie in Venezuela“ wünscht er sich nicht. Wenn die Aggression weitergehe, setzt Borge sogar hinzu, sei es auch möglich, daß der demokratische Prozeß unterbrochen werde. Ohnehin, erläutert ein anderer der Comandantes, sei dieser Prozeß unter dem Druck der Verhältnisse zur Zeit „eingefroren“.

Aber sind Wahlen die allein maßgebliche Elle, um Freiheit, demokratische Entwicklung, soziale Gerechtigkeit zu messen? Wohl kaum. Deutsche Entwicklungshelfer, die das Experiment Nicaragua seit Jahren von innen beobachten, beantworten diese Frage einhellig recht skeptisch. Der Begriff „Demokratie“, erläutert einer der Helfer, der zuletzt ein Jahr in den Vereinigten Staaten und zwei Jahre in Nicaragua verbrachte, habe sich für ihn sehr verändert. Er beurteile ein politisches System jetzt weniger danach, ob „formal“ Wahlen stattfänden als vielmehr danach, was für die Masse der Bevölkerung gemacht werde. Wenn er die Fortschritte hier mit denen in Honduras oder in Salvador vergleiche, mit ihren gewählten Regierungen, dann könne er „nur sagen, was haben die Menschen, die von Honduras schwärmen, für ein Demokratieverständnis“!

Trotz Kriegswirtschaft könne man sich hier absolut frei fühlen, meint denn auch Dieter Eich, Beauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes in Managua. Entwicklungspolitiker könnten hier Kriterien für ihre Arbeit lernen, vor allem „was Basisdemokratie heißt“.

Sie habe kein Paradies gesucht, schwärmt eine Helferin, sei aber „jeden Tag neu fasziniert“. Gerade werde am Golf von Fonseca eine Vorschule eröffnet. Und das jetzt! Vor drei Jahren hätten die Leute noch nicht einmal Schulen gekannt.

Die Alphabetisierungskampagne, Massenimpfungen gegen Polio und Malaria, eine neue Struktur für die Landwirtschaft, die (abgesehen von Somozas Gütern) nicht verstaatlicht wurde – das alles steht auf der Habenseite der Revolution.

Am Ziel sind die neuen Herren aber noch lange nicht. Auch dieser Revolution geht es wie allen: Sie hat die Gesellschaft noch nicht für sich gewonnen. Gegen Somoza waren die Massen geeint, jetzt aber brechen die Gegensätze auf. Die Frage sei dabei nicht, ob die Sandinisten Fehler gemacht hätten, meint Tomas Borge. „Vielmehr: Welche Fehler haben wir nicht gemacht?“

Enttäuschung keimt. Zuerst war der Sieg der Rebellen ein nationales, geradezu verklärtes Ereignis, das alles zu versprechen schien: ein freies Nicaragua, wenig oder Keine Arbeit, Überfluß. Und dann der Alltag: Der Zucker ist nicht mehr weiß, sondern braun. Die Zigarettenmarke (Royal) wird als einzige Marke der Welt wegen Papierfiltermangels mit Tabakfiltern produziert. Benzin wird rationiert und nach Gutscheinen verteilt (achtzig Liter pro Monat). Die Reisrationen sind zu knapp. Tomas Borge schließt nicht einmal aus, daß wieder Hunger droht. Im Hotel steht ein Zeitungsständer mit der Aufschrift: Time. Aber ausländische Zeitungen sind nicht zu erhalten. Zwischen Erwartungen von gestern und Alltag von heute klaffen riesige Lücken.

Nicht alle Fehler sind hausgemacht. Die Sandinisten haben Hilfe gebraucht. Kaum zu glauben, daß sie westliche Hilfe ablehnen würden, in einer Situation, die sie ohnehin zwingt, nach jedem Strohhalm zu greifen. Aber rasch und schnell hat vor allem Kuba geholfen.

Jeder Akt der Solidarität, von wem er auch kommt, hallt vielfach wider. Zum Beispiel das Plakat, das Petra Kelly und Gabriele Gottwald für ein paar Sekunden im Bundestag entrollt haben, um auf die Verantwortlichen im Hintergrund für den Tod Albrecht Pflaums hinzuweisen. Von dieser kurzen Szene weiß jeder. Keiner versäumt zu fragen: Wie geht’s den Grünen?

Die politischen Kardinalfehler springen ins Auge. In der Euphorie der ersten Stunde haben die Sieger geglaubt, den Startschuß zu geben und das Modell zu liefern für viele Staaten Lateinamerikas. Ein, zwei, viele Nicaraguas sollten folgen. El Salvador als erstes. Jetzt werden die Sandinisten an dieser Rhetorik gemessen.

Außerdem wird ihnen jetzt vorexerziert, daß Nicaragua keine Insel ist. Kuba war schon bald nach dem Sieg Fidel Castros isoliert worden, um ein Überschwappen der Revolution zu verhindern. Innerhalb seiner Grenzen aber hat sich das Land auf seine Weise konsolidieren können. Die Invasion 1961 in der kubanischen Schweinebucht wurde zum Fiasko – für Washington. Die Sandinisten dagegen haben erst mühsam gelernt, daß ihr Land viele Schweinebuchten hat – und daß ihre Nachbarn sehr unterschiedliche Interessen verfolgen.

War die Eskalation unvermeidlich? Gewiß nicht. In einem Land, das trotz der komplizierten Vergangenheit mehr von Liebe als Haß zu Nordamerika geprägt ist, sind Gesprächsmöglichkeiten versäumt worden. Viele der führenden Sandinisten haben in den Vereinigten Staaten studiert, viele haben Verwandte dort. Die Bindungen sind eng. Sie werden nun aufs Spiel gesetzt.

Nicaragua im Frühsommer 1983: Man scheidet mit einem Gefühl von Ausweglosigkeit, Die Revolution hat ihre Unschuld verloren, aber sie wahrt auf erstaunliche Weise noch eine innere Balance zwischen Pragmatismus und Dogmatismus, Erstarrung und Aufbruch. Es lohnt sich noch immer, das Experiment zu stabilisieren.

III.

Meine Nachbarin im Flugzeug nach San Salvador ist in einen Leitartikel vertieft: „Der krasse Irrtum des Sandinismus“. So die herrschende Meinung im Land.

Der erste Eindruck in der Hauptstadt: Die Situation ist nicht weniger gespannt als in Nicaragua. Auch hier kämpft eine Regierung ums Überleben, allerdings mit der Unterstützung Washingtons und einiger Nachbarn in der Region. Die Wahlen vom 28. März 1982 haben das Land nicht stabilisiert und der Regierung keine ausreichende Legitimität verschafft. Sie haben keinen Ausweg aus der Krise gewiesen.

Der amerikanische Kongreß hat weitere Hilfe für El Salvador an Auflagen geknüpft: Der demokratische Prozeß muß vorankommen (wie immer das zu messen ist); die Menschenrechtssituation soll sich verbessern. Seitdem gilt es als „Fortschritt“ und „Verbesserung“, daß in den vergangenen Monaten wöchentlich nur noch 100 statt wie vorher 250 Salvadorianer von rechten Organisationen ermordet worden sind.

Um den Demokratisierungsprozeß zu beschleunigen, schwört Washington jetzt die salvadorianische Regierung auf vorverlegte Präsidentschaftswahlen für den November ein. Die Idee dazu hat Richard Stone geboren, Präsident Reagans neuer Regionalbeauftragter, der als Hardliner verschrieen ist und ein Jahr lang (bis 1982) bezahlte Lobbyistenarbeit für Guatemalas Schreckensregierung leistete.

Wahlen sind aus der Sicht Reagans der schlüssige Beweis für Demokratie und Freiheit für die Legitimität und einer Regierung. In El Salvador ist bisher allerdings nicht bewiesen, daß dieses Modell funktioniert. Man spürt es in jedem Gespräch: Wir befinden uns in einem „freien“ Land, mit einer Regierung, die nicht die Macht hat, und mit einer von Todeskommandos bedrohten oder expatriierten Opposition, die als „kommunistisch“ und außengesteuert gilt.

Washington will die Wahlen jetzt, die Salvadorianer wollen sie nicht. Überhaupt wird in den salvadorianischen Regierungsparteien argumentiert: Mit den Auflagen und Bedingungen, die die Regierung und der Kongreß in Washington machten, mischten sie sich zu weit in die inneren Verhältnisse ein. So werde ein neuer Antiamerikanismus entstehen. Nicht zufällig meint Deane Hinton, der geschaßte Botschafter, daß die Grenze dessen, was die Amerikaner Salvador abverlangen könnten, allmählich erreicht sei.

Der amerikanische Präsident will den Erfolg in El Salvador erzwingen. Nach einer Erhebung der Washington Post hält eine beträchtliche Mehrheit der Amerikaner hingegen Verwicklungen in Mittelamerika für eine größere Gefahr als die „Ausbreitung des Kommunismus in der Region“, vor welcher Reagan so lebhaft warnt. Drei von vier Befragten lehnen ein Aufstocken der Militärhilfe für El Salvador ab, erst recht die Entsendung von Truppen. Das sieht nicht nach einer soliden Basis aus für eine Politik, die zur Prämisse hat, in Mittelamerika stehe „die nationale Sicherheit aller Amerikaner auf dem Spiel“.

Die Lage hat sich nicht entspannt, sondern zugespitzt. Einerseits erzielen die fünf Oppositionsbewegungen zunehmende militärische Erfolge. Sie sammeln auch wieder Punkte, wie Guillermo Ungo, der Sozialist in der Opposition, meint: Während der Wahlen hätten sie Popularität eingebüßt, aber das ändere sich.

Anderseits bilden die Amerikaner immer mehr Soldaten aus. Laufend treffen Spezialtruppen in Fort Bennin und Fort Bragg ein. Rund 1600 salvadorianische Offiziere sind im letzten Jahr in diesen amerikanischen Ausbildungscamps trainiert worden; Reagan möchte die Zahl noch erhöhen.

Könnten Wahlen diese Situation in Salvador ändern? Wer würde gewinnen? Selbst Deane Hinton schätzt vorsichtig, der Christdemokrat Duarte könne im günstigsten Fall 40 Prozent der Stimmen erhalten, der rechtsradikale ARENA-Chef Roberto D’Aubuisson, jetzt mächtiger Parlamentspräsident, der seine Präsidentschaftskandidatur vorbereitet, 30 Prozent. Und das, wenn die Wahlen nicht manipuliert werden.

Ein Sieg D’Aubuissons, der von den Großgrundbesitzern unterstützt wird, hätte verheerende Folgen. Sein Name steht seit langem für Terror, Eskalation, nicht für Frieden, Versöhnung und Stabilität. Seine Gorillas stünden den Guerilleros in nichts nach, klagen auch regierungsfreundliche Beobachter. Nicht zu reden davon, daß D’Aubuisson als der Mann gilt, der in den Mord an Erzbischof Romero persönlich verwickelt ist. Und Romero war die Symbolfigur für die Suche nach Frieden.

Seit dem Juni 1981 aber verficht die Regierung in Washington die These, Verhandlungen mit der Opposition könnten nur beginnen, wenn sie die Waffen niederlege. Unter den herrschenden Umständen entspricht das dem Verlangen nach Kapitulation und Selbstmord. Enders und Hinton hielten diesen Weg für verkehrt – sie mußten auf Reagans Wunsch eingehen.

Erst recht uneins sind die politischen Lager in San Salvadors schwachen Parteien. Eigentlich, urteilt Deane Hinton, ist hier „einfach alles gespalten“. Das gilt für die fünf Parteien, das Militär, die Kirche, ja für die ganze Gesellschaft.

In der Regierung, sogar beim Militär Salvadors, wächst, anders als in Washington, die Neigung zu Gesprächen mit der Opposition. Allerdings ist der Begriff „Dialog“, wie rasch herauszuhören ist, seit langem negativ besetzt.

Gespalten, was den Dialog betrifft, zeigte sich bisher eben auch die Opposition. Die Differenzen hat der Mord an der Kommandantin Ana Maria und der Selbstmord ihres militärischen Vorgesetzten Salvador Cayetano Carpio schlaglichtartig erhellt.

Mord und Selbstmord der beiden Salvadorianer ereigneten sich in Managua; dort fand auch ein großes Staatsbegräbnis für Ana Maria statt. Beide waren Symbolfiguren. Ana Maria wollte den Dialog, Carpio, einer der Gründer der Befreiungsbewegung Frente Farabundo Martí, galt als unnachgiebig. Was den Hergang ihres Todes betrifft, schält sich am Tatort und in San Salvador inzwischen ein einheitliches Bild heraus.

Während Carpio in Libyen weilte, ist die Kommandantin ohne sein Wissen von einem seiner Freunde mit 82 Stichen brutal ermordet worden. Die CIA sollte dafür verantwortlich gemacht werden. Aber die Anklage gegen den amerikanischen Geheimdienst brach rasch zusammen. Politisch – und das ist wohl der Kern des Problems – war Carpio am Ende. Mit seiner kompromißlosen Haltung hatte er an Boden verloren. So habe er sich, urteilt ein erfahrener Kenner der Szenerie, in Anbetracht des Mordes das Leben genommen: „wie ein bankrotter Unternehmer“.

Aber selbst wenn Washington und die Befreiungsbewegung für einen Dialog wären, wie stünden die Chancen? Außenminister Chavez Mena grübelt über die Antwort einen Moment lang, zögert und greift zu diplomatischen Floskeln. Warden die Todesschwadronen zu zügeln sein, um das Leben der Oppositionspolitiker zu sichern sein? Da zuckt Chavez Mena ratlos, fast resigniert mit den Schultern: „Das ist ein Problem...“

Eine ähnliche Frage nach den Chancen und Risiken eines Dialogs hat gerade der christdemokratische Abgeordnete Mauricio Maizier Andino im Parlament gestellt. Als er danach zu seinem Wagen auf dem Parkplatz des Hotels „Camino Real“ zurückkam, hatten ihm Todeskommandos als Warnung die Leiche eines Erschossenen vor den Wagen geworfen.

Wer garantiert also und was bedeuten „freie Wahlen“ in El Salvador?

El Salvador im Frühsommer 1983: Es sieht so aus, als könnte das Modell „demokratische“ Lösung unter militärischem Druck, das Washington erzwingen will, weder Frieden noch Stabilität, weder ein Ende des Blutvergießens noch mehr Gerechtigkeit bringen. Auch El Salvador muß wie Nicaragua seinen eigenen Weg finden.

Wer über die Zukunft Lateinamerikas nachdenke, muß – nach dem Wort eines seiner Präsidenten – „nicht nur mit dem Erzengel reden, sondern auch mit dem lieben Gott“. Das heißt, über einen Ausweg aus der Krise auch mit Fidel Castro sprechen. Reagan würde das ähnlich sehen, aber etwas anders sagen: Kuba ist der Hort allen Übels.

IV.

Der beherrschende Eindruck in Havanna: Kuba selbst möchte aus der politischen Schußlinie heraus. Das Land hat seinen Platz am Schnittpunkt von Ost und West, Nord und Süd, es hat ihn bereitwillig eingenommen, aber sich damit auch so viel Ballast aufgebürdet, daß es sich jetzt niedergedrückt fühlt.

Niedrigeres Profil – der stellvertretende Außenminister José Raoul Viera spricht das nicht so offen aus, aber deutet es mehrfach an. In diesem Sinne, fast triumphierend sagt er es, kam der Malvinen-Konflikt zwischen England und Argentinien nicht ganz ungelegen. Lateinamerika solle seine Probleme selber in die Hand nehmen, die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) sei angeschlagen. Auch die Contadora-Initiative wird von Kuba unterstützt.

Liefert Kuba der Region ein attraktives Modell? Auf der einen Seite gelten strenge Hierarchien, die Ordnung ist preußisch, um es milde zu sagen: das Ambiente der Einheitspartei macht Politik nirgendwo attraktiv. In der Karibik wirkt es erst recht steril.

Aber es gibt auch eine andere Seite. Keiner leidet Hunger; den Kubanern steht mehr Fleisch zur Verfügung als den Polen. Wer nach Havanna hineinfährt, sieht kein Elendsquartier. Die medizinische Grundversorgung funktioniert; Grundnahrungsmittel kann sich jeder leisten; es gibt keine Arbeitslosigkeit, auch wenn das Problem wächst und zur Zeit nur noch notdürftig kaschiert wird; die Geburtenrate ist niedriger als irgendwo sonst in Lateinamerika; die Bildungschancen sind die besten der Region.

Der Preis: Die Ober- und Mittelschichten gingen in die innere oder äußere Emigration – die Revolution als Klassenkonflikt – ein Prozeß, der jetzt auch in Nicaragua beginnt.

Die Voraussetzungen dafür, daß die Revolution überhaupt überlebt und sich auf ihre Weise konsolidiert hat, waren in Kuba allerdings günstiger. Einerseits herrschte ein hohes Maß an sozialer Ungerechtigkeit, die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten war groß. Andererseits war Kuba das reichste Land. Es hatte Ressourcen, von denen die Revolution zehren konnte. Da hat es Nicaragua schwerer, denn – Kuba ist eine Insel.

Schnell läßt sich auch spüren, wie die Revolution in die Jahre gekommen ist. Fidel Castro, seit 1959 der Máximo Lider und nach wie vor die einzige herausragende Figur, spricht zwar noch immer mit der gleichen Leidenschaft. Aber es ist schwerer geworden, die Revolution und die Jahre danach über Alltagsklagen hochleben zu lassen.

Vor Bauern in der Provinz Havanna ruft er in Erinnerung, wie es damals war. Das Fernsehen überträgt die Rede. Fast klingt das Leitmotiv Castros beschwörend, ja bittend: Vergeßt mir die wahren Ursachen der Revolution nicht!

Die außenpolitischen Perspektiven stimmen Castro trübe, wie auch Hans-Jürgen Wischnewski in seinem Gespräch mit ihm erfahren hat. 1983, prophezeit der Kubaner. werde ein ganz schwieriges Jahr für Lateinamerika. Das hängt aus seiner Sicht eng mit den Vereinigten Staaten zusammen. Der Kongreß, wie er das sieht, möchte für eine Niederlage in El Salvador nicht verantwortlich gemacht werden. Nachdem die amerikanische Regierung stärkere militärische Anstrengungen unternehme, um die Guerilleros niederzukämpfen, sei die Bereitschaft zu einer politischen Lösung in Washington wieder gesunken.

Für die Vereinigten Staaten, die Castro nicht aggressiv anprangert, sei es ein strategischer Fehler gewesen, sich auf die Somozisten einzulassen. Klüger wäre es gewesen, auf Dissidenten wie Pastora zu setzen. Aber auch Pastora habe einen Fehler gemacht: er glaube, zwei Konterrevolutionen seien möglich. Aber, die Geschichte beweise, es gebe nur eine.

Die Invasion an Nicaraguas Grenzen, der ökonomische Druck – das alles kenne auch Kuba. Hier habe der Kampf nach der Revolution gleichfalls noch lange gedauert. Amerika werde wieder scheitern. Wie rasch? Wer weiß das. Wie zuversichtlich ist Castro also? „Wir können uns den Luxus des Pessimismus nicht leisten.“

Zu einer Momentaufnahme gehören die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Kuba ist hochverschuldet; freilich: Wer in der Dritten Welt ist das nicht? Das Handelsdefizit der letzten drei Jahre wird auf jährlich 2,5 Milliarden Dollar geschätzt. Dazu haben der niedrige Weltzuckerpreis und die hohen Ölpreise beigetragen. Noch immer fällt für Kuba die US-Embargopolitik ins Gewicht, die Washington auch anderen Handelspartnern (wie zum Beispiel beim Nickel) einzuflüstern versucht. Kurz, es wird geschätzt, daß das Land auf jährlich zwei Milliarden Dollar Hilfe des Ostblocks angewiesen ist. Die Summe macht immerhin das Vierfache der gesamten Weltentwicklungshilfe für Indien aus.

Noch vor einem Jahr, im März 1982, schwärmte Fidel Castro von den achtziger Jahren, als denen der Revolution in Lateinamerika. Da schien noch etwas von dem Feuer zu brennen, das heute allenfalls glimmt. Castro wollte ja einmal ein zweiter Befreier Lateinamerikas werden wie Simon Bolivar.

Che Guevaras Name beschreibt einen der Wege zu diesem Ziel. Guevara starb im Jahr 1967 in Bolivien den Guerillero-Tod. Von Nicaragua abgesehen, grünt in Lateinamerika heute keine neue, revolutionäre Hoffnung mehr. Ein zweiter Weg war, sich für die Sowjetunion nützlich zu machen, um das eigene Modell überhaupt exportieren zu können. Die Hilfe kostete einen hohen politischen Preis. Ein dritter Weg zum Ziel: Brückenköpfe wie El Salvador bilden. Aber das verschlingt immer mehr Kräfte.

So würde man heute gern wissen, ob Fidel Castros frühe Träume wenigstens im eigenen Land in Erfüllung gegangen sind. Kubas Hilfe ja, Kubas Weg nein, so hatte Tomas Borge in Managua seine Position beschrieben. Der Satz klingt noch in den Ohren. Sie wollten kein zweites Kuba, so zitiert er Ernesto Cardenal, sondern „ein erstes Nicaragua“.

Kuba im Frühsommer 1983: Man spürt nichts mehr vom Aufbruch. Manches stimmt traurig. Äußerer Widerstand oder eigene Gesetzlichkeiten holen Revolutionen noch immer ein, auch diese. Es gibt da viel einerseits, anderseits. An ihren Motiven gemessen, hat die Revolution gewiß viel erreicht, aber es fällt schwer zu glauben, daß sie noch das Exportmodell liefert für die Dritte Welt oder für Mittelamerika in der Krise. •