Von Manfred Sack

Tagtäglich, aber besonders an den Wochenenden, erinnert sich der Student, ergieße sich "ein nicht abreißender Strom von Touristen durch unsere Wohnanlage". Augenblicke, in denen er sich wie ein seltenes Exemplar im zoologischen Garten fühle, "mit dem Unterschied, daß die Besucher kein Futter mitbringen". Die meisten kommen, weil sie sehen wollen, was sie nicht recht zu glauben vermögen, nämlich daß sich Anfänger des Architekturstudiums hier eine kleine Siedlung von kesser Vielfalt und ziemlich ruppigem Charme gebaut haben, die allem, was sie zu sehen gewohnt waren, widerspricht. Sie besteht aus dreißig Zimmern, die in neun Häusern zusammengefaßt sind. Sie lagern sich um einen Zentralbau mit den Gemeinschaftseinrichtungen – zwei Küchen, Duschen, WCs und Heizung – und sind meistens aus Holz gebaut, besser: konstruiert.

Denn das war der eigentliche Anlaß für diese Unternehmung: das Lernen durch eigenes Phantasieren, Planen, Entwerfen. Daß sich bald ein anderer Beweggrund anschloß, war einer simplen Frage zu danken: Warum bauen wir denn das Projekt nicht, und zwar für uns selbst, fehlt es denn nicht – und besonders für die Studienanfänger – an Zimmern? So hatte der Lehrstuhl Baukonstruktion I, besetzt mit den Professoren Peter Sulzer und Peter Hübner und sieben akademischen Mitarbeitern, auf einmal auch andere Aufgaben zu erfüllen: Die Lehrer waren nun auch Architekten, Bauleiter, Material- und Geldbeschaffer, Manager des Projektes.

Eine so direkte Verquickung von Lehre und Praxis hat es in dieser Konsequenz bisher wohl noch nirgendwo gegeben – und es ist ganz normal, daß es nicht an scheelen Augen gefehlt hat, mit denen diese aggressive Variante eines auf die Praxisbezogenen, mehr: des Projektstudiums verfolgt wurde. Der bisweilen mit kollegialer Verachtung getönte Argwohn macht das Stuttgarter Experiment nun besonders interessant. Es handelt sich ja um eines der wichtigen Pflichtfächer, dessen Kenntnis Voraussetzung ist für jede solide Architektur: der Baukonstruktion. Ausgangspunkt war die Klage über mangelnde praktische – und haptische – Erfahrungen der Studenten. Bisher war es in Stuttgart noch möglich, Architekt zu werden, ohne jemals einen Ziegelstein in der Hand der Umgang mit Holz, Beton, Werkstein – oder Kunststoff gehabt zu haben. Zwar wird das Baupraktikum von Lehrpersonen unterschiedlich bewertet, von manchen auch für überflüssig gehalten; Peter Sulzer selber sagt, gute Handwerker seien selten gute Architekten – zum guten Architekten gehöre viel mehr "die gewisse Neugier"; Handwerk lasse sich (schnell) lernen, Neugier nicht. Aber es gibt die einfache Erfahrung, daß das, was einer für sich selber tut, sein Interesse weckt und sogar Spaß macht: Zimmer für sich selber zu entwerfen, ist ein herausfordernder Reiz (der, das weiß man nun auch, nachläßt, wenn es zu lange dauert). Sulzer und Hübner haben in früheren Semestern schon einige Erfahrung mit dieser Lehr-, Lern- und Selbsterfahrungs-Methode gemacht.

Ziel war hier wie vorher die angewandte Baukonstruktionslehre. Die Studenten sollten die Möglichkeit bekommen, am konkreten Projekt selber einfache Konstruktionen entwerfen zu lernen, sie waren auch aufgerufen, sich im Ausdenken und Formulieren von Innenräumen zu üben, mit denen dann der Außenraum zu bilden war. Es kam, betonen ihre beiden Memoiren, nicht auf das Erfinden von Architektur an.

Das war, wie sich bald zeigte, ein schwieriger Verzicht. Bei vielen Aufgaben notiert das Protokoll bei den entwerfenden Studenten "immer wieder einen Hang zum Außergewöhnlichen", zu "scheinbar origineller" Architektur, die Ungeduld bei elementaren Übungen wie dem Definieren eines Zimmers als eines Bewegungsraumes, weil sie "endlich ‚Architektur‘ machen wollten". Wen wunderte es, daß das mitunter atemraubende Experiment Begeisterung ebenso wie Ernüchterung, Stolz, Ermüdung und Enttäuschung hervorrief: ein starkes Erlebnis jedenfalls.

Am Anfang herrschte Skepsis vor, vor allem dort, wo die übergeordnete Verantwortung lag, beim Verwaltungsrat der Universität, dann beim Studentenwerk, das zum Bauherrn erkoren war: Bedenken wegen der Neuartigkeit dieser Unternehmung, wegen der ungeklärten Verantwortlichkeit. Aber dem Elan der beiden Bauprofessoren erlagen schließlich alle: Die Landesregierung stellte sehr bald Zuschüsse in Aussicht, der Rektor sandte ein "außerordentlich positives Schreiben", der Kanzler machte Mut, das Baurechtsamt, sonst gefürchtet für seine Hemmschuhe, spielte großzügig mit, andere Behörden und öffentliche Institutionen entwickelten einen ungekannten Eifer, andere Verwalter engagierten sich: Ein ungewöhnliches Vorhaben weckte ungewöhnliches Interesse, Behörden genossen den Spaß, ihrer trüben Routine für eine Weile zu entwischen. Auf einmal wurden die modernen, schon etwas abgenutzten Begriffe Motivation Und Identifikation lebendig. Und es zeigte sich nebenbei auch die Begabung von Bauprofessoren, die Spendierlust zu wecken.

In der Universität waren die annähernd fünfhundert Architektur-Studenten der ersten beiden Jahrgänge auf das Projekt theoretisch vorbereitet worden. Vorlesungen und Übungen machten sie mit den Elementen der Baukonstruktion bekannt. Im Februar 1981 hatte der Fakultätsrat der Projektarbeit zugestimmt, Genehmigungen wurden eingeholt, Zweifler besänftigt, das erste Modell gebaut; mit dem enthusiasmierenden Schreiben des Rektors wurden "Hunderte von ‚Schnorrerbriefen‘ an Bau- und Industriefirmen, Banken und Architekturbüros u. a. m." geschrieben mit der Bitte um Geld- und Materialspenden (die bald kamen), im Juli wurde der Grundstein gelegt, kurz darauf kam die Baugenehmigung, Ende Oktober errichtete man das Gemeinschaftshaus. Das Abenteuer der Studenten selber mit ihren Gruppen mit gann. Etwa 440 von ihnen waren in Gruppen mit dem Thema befaßt, weit über hundert haben Sie gebaut, dreißig haben die Zimmer bezogen. Sie Zweifel, und erlitten das Erlebnis von Traum von Zweifel, Glück, Überdruß und Erschöpfung, von Stolz und Enttäuschung, Gemeinschaft und Alleingelassensein.

Ihre Aufgabe war zunächst, herauszufinden, wieviel Raum ein Mensch braucht (und bezahlen kann). Sie mußten den (Innen-)Raum für sich definieren, finden, schließlich formulieren und dabei den Konflikt lösen zwischen der Raumform (die sie sich erträumten, die Details, die Besonderheiten) und der Bauform (die sich verwirklichen ließe). Schwierig war dabei für alle, sich von den eigenen beschrankten Vorstellungen vom bürgerlichen Wohnzimmer mit der Couchgruppe und den Altären verklemmter Gemütlichkeit zu lösen und statt in Möbeln in Bewegungsvorgängen zu denken, die Phantasie spielen zu lassen, dabei von den sich allmählich entwickelnden Träumen soviel herüberzuretten, wie der Zwang zur Sparsamkeit erlaubte. Es fiel ihnen schwer, sich von ihren begrenzten Vorstellungen zu befreien, in Alternativen zu denken, mit Varianten zu spielen, "das An-Gesehene wegzuschleifen". Sie lernten "das Denken in Anforderungen" – der Bewohner, der Behörden, der Feuerwehr, der Gesetze und Normen. Sie befaßten sich – wenn auch widerwillig – mit so spröden Themen wie Baukosten, Benutzungskosten, Unterhaltskosten – und erfuhren, jedenfalls, daß auch der bewundernswertesten Architektur der zähe Kampf mit Baugesetzen, -ordnungen, -Vorschriften, -normen vorausgeht. Raumgestaltung faszinierte sie natürlich mehr.

So entstanden, mit dem Gemeinschaftsbau in der Mitte durch wettergeschützte, an Bootstege erinnernde, für manche durch sehr lange Flure verbunden, dreißig Zimmer. Sie sind in neun sehr unterschiedlich geratenen Häusern zusammengefaßt. Ihre Form wurde wesentlich von den Maßen des gespendeten Materials mitbestimmt – etwas, das zur Wildheit der Erscheinung beiträgt, der etwas aufgeregten, im Einzelfall aber auch witzigen Dachlandschaft, die viele Geschichten hat.

Die einfachste, aber raffinierteste Komposition entstand unter besonderer Anteilnahme eines der Professoren (Dächer in Gestalt einer Tonne und eines hyperbolischen Paraboloids); das originellste, ein Ein-Zimmer-Haus, hat die (konstruktiv begründete) Form eines Fächers; die am solidesten, am meisten erwachsen wirkende, wohlproportionierte Baugruppe stammt von Oberstufen-Studenten (vier quadratische, anderthalbgeschossige Häuser mit Pultdächern, die sich um einen engen quadratischen Lichthof-Turm verhaken: eine leicht reproduzierbare Idee). Alles ist von den Studenten selbst gestaltet worden, auch das – meist eingebaute – Mobiliar, und lädt nun zu ungewohnten Erfahrungen ein: Hilfreich? Wege? Stößt man sich den Kopf? Verstellt man Wege? Stiehlt man sich Licht? Ist der Raum praktisch?

Hier vor allem – beim Entwerfen des Wohn-, Arbeit-, Bewegungs-Raumes und seiner Einrichtung – begannen sich die Studenten allmählich von ihren Klischeevorstellungen zu lösen. "Diese Studenten", sagt Peter Hübner, "haben "für Menschen gebaut – für sich selber. Aber so erfuhren sie, wie wichtig und wie schwierig es ist, für sich, allgemeiner: für Menschen zu bauen."

Aber haben sie wirklich auch die Provokation und die Befreiung durch die Form – nicht nur empfinden, sondern auch ausleben können? "Das Projektstudium", schrieb Anette Homann, eine Berliner Studentin, im Maiheft des Architekten, "sollte die Praxisnähe herstellen, heute ist die Praxisnähe die ‚heilige Kuh‘." Sie wehrt sich gegen den "Vorwurf der träumerischen Utopie"* und erinnert an die Binsenwahrheit, daß der Architekt mehr sein müsse als ein Sozialanwalt, daß Architektur Form sei, "jedes Bauwerk hat ein Gesicht und einen Klang und ist damit eine Chance, die nicht nebenbei abgehandelt werden kann".

Sie findet, daß die Ausbildung – nicht nur in Berlin – die "umfassende Schulung gestalterischer Sensibilität" vernachlässige, daß die "fast unumschränkte Toleranz in Formfragen" nicht der Aufgeschlossenheit zuzuschreiben sei, sondern der ("Foim"-)Sprachlosigkeit. Und so fragt sie, ob es nicht umgekehrt besser sei: zuerst die Formsprachkraft herauszufordern (und also, wie in Stuttgart, die Lust, "Architektur" zu machen), der Phantasie erst einmal die Utopie zu eröffnen, die Vorstellungskraft zu trainieren, statt den Elan noch vor den ersten Höhenflügen mit den banalen Bauregeln des Baualltags aufzuhalten. So früh von der Wirklichkeit ernüchtert, könnte der Weg allzu leicht in die Resignation gelenkt – und vom bloß Machbaren bestimmt werden. Das, jedenfalls, sind Fragen, die sich beim Betrachten des mutigen Stuttgarter Experiments und künftiger Projekte ähnlicher Art stellen.

Bis alles fertig ist, – einer sagt: bis man barfuß herumlaufen kann – dauert es noch eine Weile. Die Wege, der Hof, die Gärten, die Terrassen harren wohl noch länger ihrer Vollendung. Am 25. Juni, wenn die Universität zum "Tag der offenen Tür" einlädt, wird die Studentensiedlung am Allmandring 15, am Rande des weitläufigen Hochschulterrains in Stuttgart-Vaihingen, dem Studentenwerk als dem Bauherrn übergeben werden.

Von da an kostet es Miete. Von da an, spottet eine Bewohnerin, "steht mer nicht mehr im Rampenlicht – dann ha’mer umsonscht gebaut". Irgendeinen Besucherdienst werden sie sich trotzdem ausdenken müssen; denn das Projekt eröffnet sich den Interessierten nicht von außen, sondern vor allem von innen: Räume waren ja verlangt worden, nicht "Architektur". Das ist nicht unbedingt ein Makel; doch der Plausibilität des Verzichts auf eine rigorosere Ästhetik zum Trotz bleibt es ein Mangel, gleichgültig, wie gut er sich auch begründen läßt.