West-Berlin

Wir stehen auf dem Mariannenplatz in Kreuzberg, einem großzügigen Gelände mit weiten Rasenflächen und dem früheren Krankenhaus Bethanien im Rücken. Es ist ein strahlend-sonniger Samstagnachmittag, und eigentlich sind nun "mobile Straßenfeste, Massenspaziergänge, Straßenfußball, Schwarzmärkte, Kunstfahrradfahren, Theater, Musik und Spiele" angesagt. Und tatsächlich spielt im Moment auch die "IG Blech", ein linkes Kreuzberger Blasorchester; Posaunen, Trompeten, Tubas blasen angestrengt und energisch ein paar schlichte Tonfolgen, gerade kommt zur Verstärkung noch eine Klarinette angerannt.

Die Umstehenden klatschen im Takt in die Hände – aber nicht fröhlich und gelockert, sondern angespannt und mit Gesichtern, die zeigen, daß die Blasmusik und das Klatschen die letzten gruppendynamischen Mittel sind, um die Aggressivität nicht in blinde Zerstörungswut umschlagen zu lassen. Über den Mariannenplatz in Kreuzberg wabern nämlich Wolken von Tränengas, auf den Wiesen und in den angrenzenden Straßen stehen dicht an dicht Mannschaftswagen der Polizei – der nächste Schlagstockeinsatz kommt bestimmt.

Die Bilanz dieses heißesten Wochenendes, das Berlin seit langer Zeit erlebt hat: Stundenlange Straßenschlachten, Steinhagel und Prügelorgien. Es brannten wieder einmal Barrikaden, 50 Polizeifahrzeuge wurden beschädigt und ein Sachschaden in noch nicht bezifferbarer Höhe angerichtet. Es wurden 203 Personen festgenommen; gegen zehn davon erließen Haftrichter Haftbefehle. Es wurden 46 Polizeibeamte und eine unbekannte Anzahl Demonstranten und Passanten verletzt – und zwischendurch wurde ein besetztes Haus von der Polizei kurzerhand geräumt.

Auslöser für die Bilder, die Berlin einmal wieder in die negativen Schlagzeilen brachten, waren die vor zwei Jahren gegründete "Konservative Aktion", die nach eigenen Angaben "rund 40 000 Mitglieder, Förderer und Aktivisten" hat.

An der Wiege dieses Vereins, der für die Bundesrepublik "eine ähnliche konservative Erneuerung erleben" will wie in den USA, standen CSU-Mitglied Ludek Pachman, aus der Tschechoslowakei emigrierter Schach-Großmeister, Gerhard Löwenthal, Moderator des ZDF-Magazins, und Ludwig Eckes, begüterter Schnapsfabrikant ("Chantré", "Mariacron", "Zinn 40", "Eckes-Edelkirsch" und Orangensaft "Hohes C").

Mit der Bonner Regierungswende ist es den Konservativen Aktionisten noch lange nicht getan; sie wollen nun eben "den wichtigsten Teil eines echten politischen Wandels": "die geistige Erneuerung". Und weil "das konservative Element in der Union am wenigsten etabliert, sein Programm am undeutlichsten formuliert" sei, wollen sie der CDU einheizen. Wie das geht, haben sie jetzt in West-Berlin gezeigt. Dorthin, in die "Hauptstadt des ganzen Deutschland", hatten sie die "Konservative Jugend Deutschlands" zu einem "Großen Freiheitskongreß" vom 17. bis 19. Juni geladen und in einer großformatigen Hochglanz-Broschüre Wochen vorher schon Töne angeschlagen, die den Bedächtigeren unter Berlins Unionspolitikern kalte Schauer die Rücken herunterjagten. Neben einer Kundgebung an der Mauer am Abend des 17. Juni kündigten sie nämlich ebenso spektakuläre wie provozierende Aktionen an: "1000 junge Leute der Konservativen Aktion und befreundeter Verbände werden vor ein besetztes Berliner Haus marschieren und dort gegen kriminelle Rechtsbrecher in der Hausbesetzer-Szene demonstrieren".