Der Eröffnungsfilm mußte einfach „Local Hero“ heißen. Denn auf einen solchen Lokalmatador hatte die Filmstadt München immerhin fünf Jahre lang vergeblich gewartet. Der Modemensch Wurm, zunächst erkoren, den Münchnern ein eigenes Filmfest zu richten, mit internationalem Glamour und so, erwies sich höchstens als Spesenritter von Weltformat. Die deutschen Filmemacher, überwiegend in Bayern beheimatet, machten ihr Filmfest dann lieber 1980 in Hamburg.

Zur Zeit findet (noch bis zum Sonntag) die beugte Lokalposse einen fast schon unerwartet glückhaften Ausgang. Das erste Münchner Filmfest, von einem „Local Hero“ geleitet, auf den sich CSU und linke Regisseure gleichermaßen einigen konnten, scheint ein Erfolg zu werden. Zur Eröffnung am letzten Samstag im Künstler-Haus am Lenbachplatz kamen sie (fast) alle: von Luggi Waldleitner bis Alexander Kluge, von Maximilian Schell bis Lisa Kreuzer. Deutsche Filmprominenz aus den unterschiedlichsten Fraktionen, friedlich vereint. Und Eberhard Hauff, der Leiter des Münchner Filmfestes, lächelte dazu.

Cannes oder Venedig an der Isar? Mit der Großmannssucht der Herren Kiesl und Wurm ist es längst vorbei. Bei einem Etat von knapp unter einer Million Mark mußten die Premierengäste ihren (schlechten) Wein sogar selber (teuer) bezahlen.

Dafür gibt es reichlich Filme in München, über hundert in einer Woche, in City-Kinos, im Filmmuseum, auch in Vorstadttheatern. Es gibt die jüngsten Arbeiten von Bresson, Tarkovsky, Saura, Sen, Goretta (eine Cannes-Nachlese), deutsche Uraufführungen (von Lemke, Nüchtern und anderen), dazu eine Chantal-Akerman-Retrospektive, Kinder- und Frauenfilme, „Höhepunkte des neuen deutschen Films“ (schlecht zusammengestellt). Es gibt Diskussionen, Feste und, draußen bei der Bavaria, Kulissenzauber.

Das Programm dieses Filmfestes scheint etwas zufällig entstanden zu sein. Die große Linie fehlt noch, aber das kann sich ja 1984 ändern. Filmfeste, wie es sie inzwischen in etlichen deutschen Städten gibt (von Berlin bis Hof, von Lübeck bis Würzburg, von Oberhausen bis Mannheim, von Göttingen bis Hamburg), heißen mal „Kinotage“, mal „Film-Wochenende“. Sie sind wichtig. Sie zeigen die Vitalität, die Vielfalt des Kinos. Sie werben für eine Kunst, für die in den öden Bunkern unserer Kino-„Könige“ kein Platz ist. Sie schaffen Aufmerksamkeit für Filme, die in der üblichen Routine unterzugehen drohen. „Das Geld“, Robert Bressons großes Alterswerk, lief in München vor ausverkauftem Haus.

Wie wäre es denn mit einem Wanderzirkus? Warum sollte das Münchner Filmfest in Zukunft nicht auch Gastspiele geben in unserer Kinoprovinz, in Dortmund oder in Ingolstadt, in Hannover oder in Wiesbaden? Für die Kommunen wäre das kein teures Vergnügen, für die Leute könnte es ein exquisites sein: die konzentrierte Begegnung mit einigen der besten Filme des Jahres, mit Filmemachern, mit Schauspielern. Ein bißchen Feuerwerk würde auch nicht schaden. Noch lebt das Kino. Hans-Christoph Blumenberg