Ich schlage eine Pflichtübung für Naturwissenschaftler vor: Goethes schmale Abhandlung vom Zwischenkiefer-Knochen zu lesen, damit sie lernen, sich einfach auszudrücken. Gewiß: Goethe hatte es bei diesem Knochen mit etwas im Wortsinn offensichtlichen zu tun und hatte es damit leichter als ein Elementarteilchen-Physiker, der uns die „Quarks als Konstituenten der Nukleonen“ vorstellen soll. Und Goethe war zudem ein Laie in der Anatomie und konnte es sich erlauben, eben nicht so verwinkelt-allesumfassende Sätze zu drechseln, wie sie zumindest in Deutschland von einem rechten Wissenschaftler bis heute erwartet werden.

Ganz schlicht also schildert, nein, erzählt er, wie es um die obere Kinnlade bei Tier und Mensch bestellt sei und wie sich da „der Knochen, von welchem ich rede, zwischen die beiden Hauptknochen der oberen Kinnlade hineinschiebt“. Goethe beobachtet die verschiedene Gestalt dieses Knochens und beschreibt in höchst moderner Denkweise, wie er in verschiedener Form zu sehen ist, je nachdem ein Tier mit seinen Zähnen das Futter „anfassen, ergreifen, abrupfen, abnagen, zerschneiden“ muß. Kurzum, der Knochen samt seinen Zähnen hat eine „der Nahrung gemäße Gestalt“. Das ist heute etwas ganz selbstverständliches, damals durchströmte nicht nur Goethe, sondern einen jeden Naturforscher unsägliche Freude, wenn er solche Zusammenhänge in der lebenden Natur entdeckte. Der Amateur Goethe kleidete das in seinem Zwischenkiefer-Bericht in die schönen Worte: „Man mag die lebendigen Wirkungen der Natur im ganzen und großen übersehen, oder man mag die Überbleibsel ihrer entflohenen Geister zergliedern, sie bleibt immer gleich, immer mehr bewunderungswürdig.“

Goethes Fähigkeit, sich in die Natur hineinzuschauen, war in diesem Fall herausgelockt worden, weil der Anatomen-Papst seiner Zeit, der holländische Mediziner Peter Camper, ein junges Orang-Weibchen zum Sezieren bekommen hatte, das in der Amsterdamer Menagerie von Het Loo an einer Lungenentzündung gestorben war. Am Schädel dieses Orangs konnte Camper ganz deutlich den Zwischenkieferknochen entdecken, den er noch an keinem Menschenschädel gefunden hatte – wahrscheinlich, weil ihm keine Schädel von Säuglingen auf den Seziertisch gekommen waren. Jedenfalls hatte Camper den Lehrsatz aufgestellt, der Mensch unterscheide sich grundsätzlich von den Affen, weil der Mensch keinen Zwischenkieferknochen habe.

Weil solche grundsätzlichen Trennungsstriche zwischen Tier und Mensch nicht nur von den Kirchen, sondern auch von vielen gläubigen Naturforschern stets dankbar angenommen wurden, breitete sich auch dieser neue Lehrsatz schnell aus – dabei war er nur das klassische Ergebnis einer Forschungslücke. Der penible Camper hatte nämlich niemals einen Schimpansen zu Gesicht bekommen. An dem aber hätte er dann schnell feststellen müssen, daß dessen Oberkiefer-Anatomie derjenigen des Menschen geradezu peinlich ähnelte.

Auch Goethe hat nichts gewußt von dieser Ähnlichkeit, doch er hat die ihm zugänglichen Menschenschädel genauer angeguckt als alle Anatomen seiner Zeit. Und außerdem hatte er die Fachliteratur kritischer als diese gelesen. Dabei war ihm aufgefallen, daß sich die ehrenwerten Kapazitäten keineswegs einig waren. Mal hatte der Elefant einen Zwischenkieferknochen, mal hatte er keinen; was stimmte? Heute wissen wir: alle Wirbeltiere haben diesen Knochen, bei den Säugetieren trägt er die Schneidezähne. Allerdings schließen sich bei den Menschen und bei den Schimpansen die seitlichen Nähte dieses Knochens oft schon im Säuglingsalter.

In der nachdenklichen Phase seiner Entdeckung half Goethe dann ein Zufall, er spürte die Zitate älterer Anatomen auf, die auch beim Menschen die entscheidenden Knochennähte im Gaumen beschrieben hatten. Der in unserer Zeit um die Aufklärung dieser Umstände bemühte Hermann Bräuning-Okatavio hat sogar acht Naturforscher aus unserem Kulturkreis und aus 1600 Jahren aufgestöbert, bei denen Goethe und seine Zeitgenossen solche Hinweise hätten finden können. Doch seit dieses Knöchelchen als Beweis für die göttliche Herkunft des Menschen in den Himmel gehoben wurden, hatte sich niemand mehr bemüßigt gefühlt, der Sache auf den Grund zu gehen. Goethe jedoch ging am Morgen, nachdem er in den Fachnotizen stutzig geworden war, in das Jenaer Anatomische Institut zu dem ihm vertrauten Professor Loder und verglich alle dort vorhandenen Tierschädel mit Menschenschädeln.

Sogar menschliche Embryonen waren in dieser Sammlung zu finden, und so war die Wiederentdeckung schnell geschehen, an allen Schädeln war die entscheidende Gaumen-Naht zu sehen: bei Ochsen, Löwen, Bären, Pferden, Füchsen, niederen Affen und eben auch bei den Schädeln von Menschen. Goethes Freude darüber war an diesem 27. März 1784 so groß, daß er noch am selben Abend an Herder und an Frau von Stein schrieb. Der Brief an Herder rührte an das Weltbild der Zeit, denn Herder arbeitete gerade seine „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ um, für ihn war es höchst bedeutend (und gleichwohl folgenlos), als ihm sein Freund schrieb: „... es ist wie der Schlußstein zum Menschen“. Und daß Goethe das im Wortsinn meinte, geht aus einem Brief vom Ende desselben Jahres an Freund Knebel hervor, in dem steht, man könne den Unterschied „des Menschen vom Tier in nichts einzelnem finden. Vielmehr ist der Mensch aufs nächste mit den Tieren verwandt“. Gerade um diese Zeit schrieb er auch den Kernsatz seiner Arbeit: „Welch eine Kluft zwischen den Osse intermaxillari der Schildkröte und des Elefanten! Und doch läßt sich eine Reihe Wesen dazwischen stellen, die beide verbindet“. Das Wort „Wesen“ strich er dann knapp zwei Jahre später im Original wieder aus und schrieb „Formen“ dafür. Das war wissenschaftlich einwandfreier.