Von Jörg Altwegg

Seit dem neuphilosophischen Schock, der Frankreich gegen Ende der siebziger Jahre geistig und politisch veränderte, beherrschen die Themen Dissidenz und Totalitarismus die intellektuelle Debatte. Sie konzentrierte sich zunächst auf Herkunft und Entstehung des französischen Faschismus, der im übermächtigen Schatten des Resistance-Mythos vergessen worden war – vergessen und verdrängt. Was die „Nouveau Philosophie“ als provozierende These formuliert hatte, bestätigt nun der Historiker Zeev Sternhell in einem gelegentlich wirren, aber durchaus soliden Werk:

Zeev Sternhell: „Ni drohe ni gauche. L’Ideologie fasciste en France“; Editions du Seuil, Paris 1983; 410 S., 99 Francs.

Anders als die großen Länder des europäischen Kontinents ist Frankreich der faschistischen Versuchung zumindest politisch nicht erlegen. Und gerade weil sein Faschismus eine Ideenbewegung blieb, die bis zur Niederlage im Jahre 1940 von der politischen Macht ausgeschlossen war, erweist sich die Beschäftigung mit ihm als aufschlußreich. Denn so schreibt Sternhell die „Natur einer politischen Ideologie ist in ihren Aspirationen stets klarer als in ihren Anwendungen“. Tatsächlich sind das faschistische Denken und die reiche Literatur, die es propagiert, von einem hohen Niveau, das nirgendwo sonst erreicht wurde.

Der Faschismus findet im Elan der nie erlahmenden intellektuellen Gegenrevolution statt – zu einem Zeitpunkt, da das Bürgertum die Prinzipien von 1789 und 1848 auf ihren merkantilen Nenner reduziert hatte und die neuen Wissenschaften das Bild vom Menschen erschütterten: Psychologie und Soziologie stellen die Autonomie des Individuums, auf das sich der Rationalismus stützt, arg in Frage; Freud wie Dürkheim üben einen merkwürdigen Einfluß auf prominente Kollaborateure wie Drieu und Déat aus. Die „antirationalistische Revolution“ – zu der Sternhell auch die darwinistische Biologie, Bergson, die Geschichtsschreibung von Taine und Renan, die soziale Psychologie Le Bons und die italienischen Soziologen Pareto und Mosca rechnet – fördert ein Klima, in dem der Faschismus gedeihen kann.

Im Zeitalter der aufkommenden Massen gehört die Integration des Proletariats in die Nation zu den permanenten Themen des französischen Faschismus. So etwa konnte sich der Dichter Barrès, in dem Nationalsozialismus und Sozialismus am spektakulärsten zusammenlaufen, durchaus auf die Revolution, auf 1848, die „Commune“ und die jakobinische Tradition berufen. Wie andere Autoren warf auch er dem Bürgertum vor, das Proletariat seit 1789 stets zur Durchsetzung eigener Interessen mißbraucht zu haben. Barrès, der sich als Sozialist ins Parlament wählen ließ – aber die Notwendigkeit betonte, gegen den „zu kosmopolitischen oder vielmehr zu deutschen Sozialismus zu kämpfen“ –, vollzog auch die Fusion von Rasse, Nation und Kultur. „Die Ausländer“, so schrieb er, „haben ein anderes Hirn als wir.“ Voller Stolz gestand er, daß er weder Sokrates noch Plato verstehe, weil er kein griechisches Blut in seinen Adern habe. Gesetz, Natur, Sprache, Literatur, Politik, Gesellschaft wurden in den Kategorien von Blut und Boden – „Le sang et le sol“ – gedacht. Nach der Zerstörung der überalterten bürgerlichen Gesellschaft sollte eine „neue politische, ökonomische und soziale Struktur“ entstehen: modern, vital und fortschrittlich. Zu den wenigen klaren Zielvorstellungen gehörte die nationale Herrschaft über Produktivkräfte und Kapital.

Sternhell widmet sich intensiv den Schlüsselfiguren Georges Sorel – der als erster die Synthese von Nationalismus und Sozialismus dachte – und Georges Valois, welcher nach dem Ersten Weltkrieg die „Links-“ und „Rechtsrevolutionäre“ zu versöhnen suchte. Bei Sorel und seinen Freunden galt die Demokratie als Todfeind des Sozialismus – für Valois gefährdete sie die Nation.