Von Christoph Bertram

Während der Kanzler noch die Koffer für seine Reise nach Osten packt, stehen beide Weltmächte an einer Wegmarke ihrer Außenpolitik. In Washington spürt Ronald Reagan den Aufwind: Die europäischen Wahlen haben das Bündnis gestärkt, die Wirtschaftsprognosen sind günstig und die letzten Tests im All haben den Vorsprung amerikanischer Technologie unterstrichen. In Moskau stehen für Jurij Andropow die Zeichen dagegen schlechter: Die Sowjetunion, die noch vor kurzem selbstbewußt aus westlichen Verlegenheiten Vorteile zog, sieht sich nun in die Defensive gedrängt.

Dennoch ist dies die Chance der Politik. Denn beide Weltmächte rüsten sich unterderhand zur Wiederaufnahme des Dialogs. Sie sind über die Vorphase nicht hinaus: Sie reden übereinander, nicht miteinander; sie rüsten auf, nicht ab. Aber früher oder später wird schon deshalb Tacheles geredet werden müssen, weil es für keine der beiden eine Alternative gibt.

Noch halten sie sich bedeckt. Der sowjetische Amerika-Experte Arbatow hat gerade in Genf erklärt, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion befänden sich "auf Kollisionskurs", in naher Zukunft könnten "schlimme Dinge" in Gang kommen. Die jüngste Analyse des Auswärtigen Ausschusses im amerikanischen Senat bezeichnet die Beziehungen zwischen Moskau und Washington als "schlechter denn je zuvor". Noch zielen die Bekundungen beider Seiten, den Dialog und den Kompromiß zu suchen, mehr auf die verängstigte öffentliche Meinung, vor allem in Europa, als auf die hartgesottenen Machthaber gegenüber. Beide sind sogar für ein längst überfälliges Gipfeltreffen – wenn auch unter Bedingungen, die die Zustimmung wieder in Frage stellen.

Und doch ist dies nicht mehr jene "Phase der Sprachlosigkeit", die Helmut Schmidt bei seinem Moskau-Besuch vor genau drei Jahren so besorgt vermerkte. Durch die Rhetorik der Anklagen scheint vielmehr die Einsicht, daß das Arrangement mit der anderen Seite das wichtigste politische Ziel bleibt.

Ronald Reagan hat sich zwar eine Zeitlang einreden wollen, daß Amerika auch ohne die Sowjetunion Weltpolitik betreiben könnte. Aber wer nachliest, was sein Außenminister Shultz am 15. Juni mit höchster Billigung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats ausführte, der kann die Wegstrecke ermessen, die diese Administration zurückgelegt hat. Gewiß, hier werden die zuvor aufgestellten Barrieren nicht völlig abgebaut. Für die Sowjets muß als rotes Tuch gewirkt haben, wenn den Menschenrechten wieder einmal die oberste Stelle im politischen Forderungskatalog Amerikas eingeräumt wird; oder wenn Shultz all den Kräften Unterstützung zusagte, die eine "positive Alternative" zum sowjetischen Herrschaftsmodell verfolgten. Aber der Schwerpunkt der Stellungnahme steht in der Kontinuität amerikanischer Außenpolitik, wie sie lange vor Ronald Reagan formuliert wurde: "Die Sowjetunion ist und bleibt eine globale Supermacht", heißt es da. Militärische Stärke und Realitätssinn könnten zwar einen Krieg abschrecken, aber nur Gespräche und Verhandlungen den Weg öffnen zu dauerhaftem Frieden.

Einen Tag darauf sprach Andrej Gromyko auf der Tagung des Obersten Sowjets. Obwohl er bei seinem internationalen Rundblick kaum ein Land der Erde vergaß, die Bundesrepublik so wenig wie El Salvador, erscheinen sie sämtlich unter "ferner liefen": Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten. Die Vehemenz der Klagen Gromykos unterstreicht die Dringlichkeit des Wunsches: "Wir wollen einen Ausgleich der Beziehungen zu den USA, eingedenk dessen, welche Bedeutung das für die Verhütung eines Krieges hat." Denselben Wunsch hat auch der Kurzgipfel der Warschauer-Pakt-Staaten Anfang der Woche unterstrichen. "Die beiderseitige Feindschaft ist kein unveränderliches Faktum der internationalen Politik", so formuliert jetzt auch George Shultz die Binsenweisheit des Atomzeitalters: Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sind dazu verurteilt, miteinander auszukommen.