Dem drittgrößten Autokonzern werden Kaufabsichten für das amerikanische VW-Werk nachgesagt

Trotz aller Dementis – irgend etwas ist dran an der Geschichte, mit der die Detroit Free Press am vergangenen Wochenende in der Autobranche für Aufsehen sorgte. Die in der amerikanischen Auto-Metropole erscheinende Zeitung berichtet unter Berufung auf ein – ungenannt gebliebenes – Mitglied des Chrysler-Vorstandes, daß Volkswagen seine Autoproduktion in den USA aufgeben werde.

Innerhalb von drei bis sechs Monaten werde Chrysler, so das Blatt, die Fabrik in New Stanton im Staate Pennsylvanien übernehmen, in der VW derzeit wenige, allzu wenige Rabbits (die amerikanische Version des Golfs) herstellt. Der Verkauf der nur etwa zur Hälfte ausgelasteten Fabrik, die VW seinerseits im halbfertigen Zustand von Chrysler erworben hatte, soll mit einem Abkommen verkoppelt werden: Danach will Chrysler auf Rechnung von Volkswagen und für eigenen Bedarf Autos herstellen und dabei VW-Technologie und VW-Zulieferteile verwenden.

Sowohl Chrysler als auch Volkswagen of America reagierten auf diesen Bericht mit Erklärungen, in denen jedes Wort so sorgsam abgewogen war, wie man es von sowjetischen Regierungs-Bulletins kennt. Darin hieß es, daß Volkswagen nicht daran denke, seine „Präsenz als Autohersteller in den USA“ aufzugeben. Bestätigt wurde allerdings, daß VW-Chef Carl Hahn anläßlich der Vorstandsvorsitzung von VW of America in Detroit war und bei dieser Gelegenheit mit Chrysler-Boß Lee Iacocca zu einem Gespräch über „weltweite Geschäftsmöglichkeiten“ zusammentraf.

Diese tour d’horizon soll schnell in Erörterungen darüber eingemündet sein, ob es nicht womöglich sinnvoll sei, die Fabrik in Pennsylvanien gemeinsam zu betreiben. Bei einem solchen „joint venture“ – für das offensichtlich die vor kurzem verabredete Kooperation zwischen General Motors und Toyota beim Bau eines Kleinwagens in Kalifornien Pate stand – bliebe Volkswagen, wenn man so will, die „Präsenz als Hersteller auf dem US-Markt“ erhalten.

Sowohl Hahn als auch Iacocca sprechen seit geraumer Zeit von der Notwendigkeit, bei der Produktion stärker zu kooperieren. Chrysler ist augenblicklich in der glücklichen Lage, daß die Nachfrage nach seinen Wagen der K-Modellreihe nur schwer zu erfüllen ist. Um für den beginnenden Autoboom gerüstet zu sein, braucht der gerade dem Bankrott entkommene Konzern zusätzliche Produktionskapazitäten. Da kam es Iacocca schon gelegen, daß VW-Chef Hahn sich dazu durchgerungen hatte, die noch unfertige zweite Volkswagen-Fabrik in Sterling Heights bei Detroit abzustoßen. Dort wird Chrysler bald Wagen der H-Reihe bauen, die praktisch eine etwas aufgetakelte Version der K-Reihe sind. Durch ein paar Kunstgriffe – hier etwas Chrom und dort etwas anders geformtes Blech – ist es den Chrysler-Designern gelungen, dem Wagen ein Aussehen zu verschaffen, das vielen Amerikanern gefällt. Mit den Autos der H-Reihe hofft Iacocca das große Geld zu machen.

Die schwächste Stelle des Konzerns sind nun die dem Rabbit so ähnlichen Kleinwagen vom Typ Horizon und Omni. Diese gelten inzwischen technisch und stilistisch als veraltet. Die gewaltigen Entwicklungskosten für ein neues Modell, das den Vergleich mit den japanischen Konkurrenten nicht zu scheuen braucht, kann sich Chrysler aber noch nicht leisten. Washingtons Bürgschaft für die von Chrysler aufgenommenen Riesenkredite zum Ausgleich der jahrelang sprudelnden roten Zahlen war deshalb an die Bedingung geknüpft, daß der Konzern sich an einen Partner anlehnt.