Höhere Beiträge und geringere Leistungen der gesetzlichen Kassen beleben das Geschäft der Privatversicherung

Einige hunderttausend Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung werden sich möglicherweise schon im kommenden Jahr ernsthaft fragen müssen, ob sie noch der richtigen Gruppe von Kassen angehören – oder ob sie sich nicht besser jenen fünf Millionen Mitbürgern anschließen sollten, die sich bereits voll bei einer privaten Krankenkasse haben versichern lassen. Vor eine solche Entscheidung gestellt ist unter anderem ein Teil jener gesetzlich Versicherten mit Gehältern zwischen etwa drei- und fünftausend Mark, die vom kommenden Jahr an erheblich mehr Versicherungsbeiträge auf sogenannte „Einmalzahlungen“ wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld abführen und dadurch eine verschleierte Beitragssatz-Erhöhung hinnehmen müssen; diejenigen unter ihnen, deren Einkommen an die Versicherungspflichtgrenze stößt, werden leichter geneigt sein, sich aus der gesetzlichen Versicherung zu verabschieden.

Ähnliche Anstöße könnten noch aus anderen Gründen kommen. So müssen, ebenfalls vom kommenden Jahr an, vom Krankengeld Renten- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge abgeführt werden. Das Krankengeld schrumpft dadurch um elfeinhalb Prozent – und es kann, anders als bei einer privaten Versicherung, nicht aufgestockt werden. Und schließlich beginnen die gesetzlichen Krankenkassen, ihre Leistungen einzuschränken. Noch sind es nur ein paar „Bagatell-Arzneien“, die es nicht mehr auf Krankenschein gibt, aber dabei wird es zumindest auf mittlere Sicht nicht bleiben – Privatkassen können da großzügiger sein.

Vorsichtige Privatversicherer wie Hans Georg Timmer, Vorstandschef der Deutschen Krankenversicherung (DKV) in Köln, schätzen diese Chancen durch die Probleme der Konkurrenz freilich noch zurückhaltend ein. „Theoretisch“ könne sich zwar der Zustrom vor allem von Alleinstehenden und Doppelverdienern zu den privaten Kassen, die schon jetzt etwa hunderttausend Vollversicherte jährlich zusätzlich gewinnen, verstärken. Wichtig aber sei die Entwicklung der Kosten.

Dies ist in der Tat noch immer ein Problem für die private Krankenversicherung. Gewiß, ihre Kosten haben im vergangenen Jahr nur noch um etwa drei Prozent zugenommen, nachdem der Anstieg zuvor noch zehn Prozent erreicht hatte. Doch in der gesetzlichen Krankenversicherung lag die Teuerung nur bei 1,8 Prozent. Timmer stimmt es „nicht besonders optimistisch“, daß der Kostenanstieg der Privatkassen nun schon seit vier Jahren über dem der gesetzlichen Krankenversicherung liegt.

Doch es muß nicht zwangsläufig bei dieser relativ noch immer ungünstigen Kostenentwicklung bleiben. So setzen die privaten Versicherer, allen ersten Alarmmeldungen zum Trotz, zumindest langfristig große Hoffnungen auf die neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ); der in der Vergangenheit zum Teil starke – im vorigen Jahr aber schon auf 0,6 Prozent geschrumpfte – Anstieg der Ausgaben für ambulante ärztliche Behandlung müßte sich nach Ansicht von Fachleuten der privaten Assekuranz durch die neuen Gebührensätze auf die Dauer zügeln lassen.

In den ersten Monaten seit ihrem Inkrafttreten dürfte die neue GOÄ weniger segensreich gewirkt haben. Erstaunlich viele Ärzte schätzen ihre Kunst so hoch ein, daß sie sich dafür den „Regelhöchstsatz“ der 2,3fachen Normalgebühr vergüten lassen; andere berechnen, mit der vorgeschriebenen gesonderten Begründung, sogar den 3,5fachen Satz. Und vor allem standesbewußte Chefärzte machen, flinker als von der Bundesregierung gedacht, gar von ihrem Recht Gebrauch, die GOÄ „abzudingen“ und Sätze zu berechnen, die selbst großzügigen Privatversicherern bisweilen den Atem verschlagen. Ob sich auf diese Weise für den Anfang Kostenneutralität erreichen läßt, wie es Bundesregierung und Versicherer erhofft haben, wird sich in wenigen Wochen zeigen.