Von Wolfgang Gehrmann

Statt über so spröde Dinge wie Bilanz und Dividende zu reden, schilderte Herbert Grünewald, der Chef der Bayer AG, mit warmen Worten das rege Vereinsleben, das der Leverkusener Chemie-Multi sponsert: Sportanglerverein und Skiclub, Gartenbau- und Stenographenverein, Philharmoniker, Fußballer und Leichtathleten. Weil der Chef ohnehin auf der Hauptversammlung schon reichlich lange geredet hatte, blickten die Vorstandskollegen Büchel und Dittmar – auch normalerweise schon Männer von buddhahafter Ruhe – da ganz besonders unerschütterlich über die Köpfe der 4600 Aktionäre hinweg.

Ungewöhnlich auch war das Thema gewesen, das sich vierzehn Tage zuvor der Aktionär Jens Henrich auf der Hauptversammlung der Hoechst AG gestellt hatte. Vor den versammelten Anteilseignern schwärmte er am Rednerpult von unseren gliederten Freunden Uferschwalbe, Eisvogel und Wiedehopf.

Die seltene Vogelschar nistet nahe der Frankfurter Chemiefabrik in einem naturwüchsigen Biotop. Hoechst will die kleine Wildnis nicht als Schutzgebiet anerkannt haben. Jens Henrich, Um-Schutzgebiet und Parteigänger der Grünen, brachte die Sache deshalb auf der Hauptversammlung zur Sprache. Doch die Mehrheit der Aktionäre mochte eine Geschäftsbeziehung zu Amsel, Drossel, Fink und Star nicht sehen. Man brüllte erbost: „Zur Sache, zur Sache!“

Die Unduldsamkeit gegen den grünen Aktionär, die enorme Geduld mit Grünewalds Exkurs – sie waren Reaktionen auf ungewöhnliche Erscheinungen in den diesjährigen Hauptversammlungen der beiden Chemieunternehmen. Grüne Opponenten hatten sich Aktien der beiden Gesellschaften besorgt und waren mit originellen Anträgen vor ihre Miteigner getreten: Die Dividende sollte dieses Jahr ausfallen, das eingesparte Geld in Umweltschutz, neue Jobs und höhere Bezahlung für die unteren Lohngruppen gesteckt werden.

Daß die Oppositionellen damit den kleinkapitalistischen Nerv empfindlich getroffen hatten, mochte ihnen der Aktionär Heinz Saerberg gern testieren. Vor lauter Empörung etwas knapp an Atem, japste er sein Unverständnis ins Mikrophon: „Ich habe manches schon erlebt, aber so was noch nicht – daß Aktionäre keine Dividende haben wollen. Was hier vorgeschlagen wird, ist viel schlimmer als saurer Regen, weil davon der Aktionär stirbt. Wovon soll er denn leben? Hier haben sie nur das Recht, zu ihrem Vorteil zu sprechen!“

Vielleicht hätte man Herrn Saerberg erzählen können, daß es sogar für Aktionäre mitunter vorteilhaft ist, in einem intakten Wald spazierenzugehen, und womöglich bekommt es der Dividende auch nicht auf Dauer, wenn die Industrie ihre natürlichen Ressourcen zerstört. Dank des Coups der Alternativaktionäre hätten die Hauptversammlungen von Hoechst und Bayer zu beispielhaften Debatten darüber werden können, ob es nicht höhere Unternehmensziele gibt als den Gewinn. Doch bei Hoechst wurde daraus gar nichts. Bei Bayer gelang das allenfalls in Ansätzen.