Von Hans Peter Riese

Nomen est omen! Das „Museum Quadrat“ der Stadt Bottrop, bislang nur zum Teil der zeitgenössischen Kunst gewidmet, hat einen Anbau erhalten und beherbergt nun das „Josef-Albers-Museum“. Der Bottroper Albers, der 1933 aus Deutschland emigrierte und seinen Weltruhm in den Vereinigten Staaten erlangte, ist damit wieder, einem eigenen Wunsch entsprechend, an seinen Geburtsort und nach Deutschland zurückgekehrt. Schon das „Museum Quadrat“ war eine Reverenz an diesen Maler gewesen, und das Programm seiner zeitgenössischen Abteilung dient der Pflege und Aufarbeitung jener konstruktiven Kunst, der auch Albers weitgehend zugerechnet wird, über deren Grenzen sein eigenes Werk aber weit hinausreicht.

Den neuen Trakt des Museums betritt der Besucher über eine Brücke, die das „Quadrat“ mit dem Neubau verbindet. Ulrich Schumacher, der Direktor, hat mit seiner Hängung der Sammlung Albers bereits dieses Entree zu einem Erlebnis der Farbe werden lassen. In Verlängerung der Brückenachse hängt als einziges Bild, eine gelbe Version der Serie „Homage to the Square“, einem Farbaltar gleich. Der Besucher scheint in den sich öffnenden Farbraum hineinzugehen, fühlt sich wie magisch angezogen und sogleich in den Bann dieser Malerei geschlagen. Das neue Gebäude, wie das bestehende Museum vorbildlich von Bernhard Küppers gebaut, ist ganz auf die Präsentation von Albers’ Werk ausgerichtet und ist adäquate Umsetzung seiner Kunst und seines künstlerischen Willens in Architektur. Dem quadratischen Grundriß ist ein bis auf zwei Durchgänge geschlossener Innenraum eingeschrieben, der sein Licht ausschließlich durch die Fenster eines Sheddaches erhält. Hier ist das Zentrum des Albers-Museums, ausschließlich den Bildern der Quadrat-Serie, dem Höhepunkt des Werkes, vorbehalten. In diesem Raum nun erweist sich, daß die so überzeugende Inszenierung im Eingangsbereich eigentlich auf einem Mißverständnis De ruht. Die Arbeitsweise in Serien und Variationen entspricht nämlich der inneren Logik dieses Werks ebenso wie der gewünschten Rezeptionsart. Nicht das einzelne Bild, die vereinzelte Lösung ist wichtig, sondern der Zusammenhang, die gegenseitige Abhängigkeit und die Beeinflussung der Farben und Formen.

Die Bilder im zentralen Raum tragen dieser konstitutiven Idee in der Kunst von Albers Rechnung. Von gelben Variationen über Orange läuft die Reihung bis hinüber in die tiefe, kalte Grünskala und, je nachdem, von welcher Seite man den Raum betritt, beginnt man den Farbkreis im warmen oder im kalten Bereich. Die ausschließlich verwendete Form der übereinanderliegenden Staffelung von drei oder vier Quadraten auf einem Bild, jeweils in der horizontalen statisch, das heißt mit gleichen Abständen der Randstreifen und in der vertikalen dynamisch, also mit veränderbaren Abständen, erweist sich hier als geradezu genialer Träger für die Untersuchung der Farbe. „Wenn ich male, sehe und denke ich zunächst – Farbe“, hat Josef Albers geschrieben. In diesen Bildern offenbart sich, daß Albers tatsächlich den Gegensatz von Form und Farbe überwunden hat. Allein aus der eigenen Gesetzmäßigkeit der Farben heraus erhält das einzelne Bild seine formale Gestalt.

Zwei für Albers entscheidende Erfahrungen werden für jeden unmittelbar erlebbar. Die eine ist die Erfahrung, der er auch sein grundlegendes pädagogisches Werk gewidmet hat, die der „Interaction of colour“, der Durchdringung der Farben. Die Auseinandersetzung mit den Bildern führt dazu, daß die Abgrenzung der einzelnen Farben gegeneinander zunehmend fragwürdig zu werden scheint. Die geraden Linien der Quadrate, gleichzeitig Trennlinien der Farben voneinander, werden durchlässig, die Farben durchdringen sich in einer Art von Osmose. Dabei kann man irritierende Beobachtungen machen. Bei mehrmaligem Betrachten ein und desselben Bildes ergeben sich nämlich keineswegs immer die selben Senergebnisse. Die gegenseitige Beeinflussung der Farben untereinander wechselt, sowohl mit dem Licht als auch mit der psychischen Disposition des Betrachters. Man spürt plötzlich in der eigenen Anschauung, worauf es Albers in seinem ganzen Werk angekommen ist: den Unterschied zwischen dem Sehen und dem Erkennen. Es öffnet sich jene Dimension des Begreifens von Kunst, die so oft durch die oberflächliche Anschauung der Objekte verhindert wird.

Albers hat schon vor seiner systematischen Erforschung der Farben und ihrer Beziehungen mit der ständigen Verunsicherung unseres Sehens gearbeitet. In seiner Graphik, vor allem den „Strukturalen Konstellationen“, die in Bottrop nun erstmalig nahezu komplett zu sehen ist, hat er den Konflikt zwischen dem „factual fact“ und dem „actual fact“ thematisiert. Dies ist der Unterschied zwischen der Linienführung an sich, ihrem faktischen Dasein also und ihrer Wirkung auf das Auge, ihrem perzeptionellen Sosein. Werner Spies hat im Katalog dafür die einleuchtende Formulierung gefunden, Albers baue „ein eindrucksvolles logisches Gedankengebäude auf: eine Logik, die zum Ziel hat, die Unlogik unseres Erkennens zu beweisen.“

Josef Albers war schon 32 Jahre alt, als er 1920 beschloß, noch einmal seine bildnerischen Mittel zu überprüfen. Er ging zu Gropius ans Bauhaus und begann praktisch noch einmal von vorn. Daß aus dem Schüler schließlich der Lehrer wurde, daß Albers bis 1933, bis zur Zerschlagung des Bauhauses durch die Nazis, an dieser Schule blieb, war für beide ein Glück. Er selber konnte so die seinem Werk innewohnende Konsequenz in der für ihn notwendigen Ruhe und Konzentration ausbilden. Der Schule gab er, zunächst als Leiter der Glaswerkstatt, dann der Vorlehre, alles, dessen er, der überzeugte und überzeugende Pädagoge fähig war. Seine wirkliche Bedeutung als Lehrer aber erlangt Albers erst in den Vereinigten Staaten, zunächst am Black Mountain College, später an verschiedenen Universitäten, vor allem in Yale. Sein Einfluß auf die amerikanische Malerei der letzten dreißig Jahre ist kaum zu überschätzen: Robert Rauschenberg, Ad Reinhard, de Kooning und viele andere haben Zeugnis davon abgelegt, daß Albers kein Kunstpädagoge im üblichen Sinn gewesen ist, sondern jemand, dessen ganzes Trachten darauf gerichtet war, seine Schüler das Sehen zu lehren.