Die sonderbaren Wege der Kölner Justiz und eines exzentrischen Zeugen

Im Umgang mit seinen Mitmenschen hat sich Hans Gerling schon immer schwergetan – mochten es Familienmitglieder oder Freunde sein, Geschäftspartner oder nur Journalisten. Er ist verletzlich, kontaktarm, mißtrauisch; aber bis vor zwei bis drei Jahren konnte er gelegentlich einen herben Charme entfalten, wenn es galt, die Schäden zurückliegender Versäumnisse zu reparieren. Aber selbst an solchen rufkorrigierenden Operationen verblaßte allmählich sein Interesse. Freunde bestätigen, daß sein Verhalten sie zum Rückzug zwang. Wer mit ihm geschäftlich zu tun hat, empfindet das nicht als reines Vergnügen. Journalisten meidet er ganz. So lebt der 68jährige Gerling mit seiner Frau und seinem Personal in seinem schloßähnlichen Haus in Köln-Marienburg isoliert, einsam.

Aus dieser selbstgewählten Isolation wollte ihn das Landgericht Köln herausholen. Er sollte im Strafprozeß gegen zwei Direktoren der Herstatt-Bank, deren Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender er war, als Zeuge aussagen. Dieser Ladung hat er sich mit der Entschuldigung entzogen, er könne das gesundheitliche Risiko eines persönlichen Auftritts vor Gericht nicht auf sich nehmen. Das Gericht aber war anderer Meinung. Wer an Aufsichtsratssitzungen in Kanada teilnehmen kann, folgerte der Richter, könne auch als Zeuge aussagen. Gerling reiste flugs zur Behandlung seiner angeschlagenen Gesundheit nach Mammern in che Schweiz und ließ das Gericht wissen, eine Aufsichtsratssitzung sei eine Routinesache, die er jederzeit unterbrechen könne, während eine Zeugenvernehmung, die er nicht in der Hand habe, sein Leben gefährde. Schließlich habe er vor kurzer Zeit einen Herzinfarkt erlitten.

Das war dem Richter zuviel Er zitierte Frau Gerling (70) vor Gericht und nahm den Butler Gerlings in Beugehaft. Die Justiz agierte, als ob es um einen flüchtigen Angeklagten ginge, nicht um einen Zeugen. Doch daß der Richter die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht so ernst nahm, wie es bei einem Zeugen geboten wäre, ist wohl nur mit dem unterschwelligen Eindruck zu erklären, den der Exzentriker Gerling bei seinen Zeitgenossen hinterlassen hat: daß ihm die meisten Mittel recht seien, um seine Gegner auszutricksen.

Schon bei den Auseinandersetzungen mit seinen Brüdern Robert und Walter hat er Härte und wenig Bedenken gezeigt. Ein Vergleich mit Robert regelte die Eigentumsfrage am väterlichen Versicherungskonzern zugunsten von Hans. Nachdem Bruder Walter 1965 in den Aufsichtsrat übergewechselt war, lag die Führung des Konzerns ausschließlich bei Hans. Mit einer aggressiven Prämienpolitik war er bald der Hecht im Karpfenteich der deutschen Versicherer.

Als die Herstatt-Bank 1974 zusammenbrach, verkaufte er mehr als die Hälfte seines Konzerns, damit jener Vergleich mit den Herstatt-Gläubigern finanziert werden konnte, der verhinderte, daß auch der Versicherungskonzern mit in den Strudel der Vertrauenskrise gezogen wurde. Nach langem Finassieren hat Hans Gerling zweihundert Millionen Mark in einen Hilfsfonds für die Herstatt-Gläubiger gezahlt und damit für die Glaubwürdigkeit unserer Wirtschaftsordnung mehr geleistet, als das Gesetz befiehlt.

Doch sein Selbstverständnis hatte einen Stoß erlitten. Unternehmer sein heißt für ihn, das Eigentum am Kapital mit niemandem zu teilen. Daß bei ihm im Versicherungskonzern nun jemand mitreden konnte, hat er als persönliche Niederlage empfunden und nie verwunden. Der Fall Herstatt ist das Trauma seines Lebens – es machte ihn endgültig zum Sonderling, der an seine Umwelt nur noch falsche Signale sendet.