Von Helmut Becker

Tokio, Ende Juni

Der strahlende Wahlsieger war auf guten Eindruck bedacht. Neben den Schlagzeilen über die absolute Mehrheit der japanischen Regierungspartei unter Premier Yasuhiro Nakasone bei den Oberhauswahlen letzten Sonntag zeigte die Presse ein Photo des Regierungschefs, auf dem er sich sorgfältig seinen dünnen Scheitel kämmt. Trotz des Wahlausgangs, den der ohne Wahlentscheid im vergangenen Herbst ins höchste politische Amt aufgerückte Nakasone als „Bestätigung meiner Politik feierte, bleiben die Medien auf Distanz: Bei einer Wahlbeteiligung von mageren 57 Prozent sei Nakasone trotz seiner absoluten Mehrheit nur der Ministerpräsident einer Minderheit. .

Solche Kritik hatte er bereits vor der Wahl ausführlich zu spüren bekommen. „Nun hat es Nakasone schon wieder getan“, überschrieb der Leitartikler der angesehenen japanischen Tageszeitung Asahi Shimbum verärgert seine Analyse des Gipfeltreffens von Wilhamsburg: „Zum zweiten Mal bringt er unser Land durch überraschende Erklärungen in Übersee in Konflikte.“ Sechs Monate nach seiner Amtsübernahme sprang die Presse noch immer mit dem Regierungschef um, als gelte es, die Unbotmäßigkeit eines Hitzkopfes zu tadeln. Der Anlaß der Medienschelte: Nakasone hatte in Williamsburg eine „politische Bindung“ Japans an die Nato suggeriert und die Westeuropäer aufgefordert, die neuen amerikanischen Nuklear-Raketen zum Jahresende zu installieren. In den Zeitungen wurde nach der politischen Logik Nakasones gefragt, der sich daheim für Kernwaffenfreiheit ausspreche, die Partnerstaaten jedoch „nuklear scharf“ mache.

Schon bald nach seinem Amtsantritt 1982 hatte sich die Presse über den neuen Regierungschef mokiert, ihn als Opportunisten und „Wetterhahn“ bespöttelt und als Marionette des ehemaligen Premiers Tanaka beargwöhnt. Hideo Matsuoka, Leitartikler der Pressegruppe Mainizhi faßte seinen Ärger in der Formel zusammen: „Ohira und Suzuki (die beiden Vorgänger) haben durch ihre völlig unverständlichen Reden den japanischen Interessen besser gedient.“ Die an Einsilbigkeit ihrer Polit-Elite gewöhnte Nation quittiert die Eloquenz des neuen Regierungschefs mit dem Argwohn der Doppelzüngigkeit und verfolgt seine Charme-Offensive auf diplomatischer Bühne mit gemischten Gefühlen.

Zwar hoben selbst die mißtrauischen Medien stolz hervor, daß Japan mit dem neuen Kabinettschef außenpolitisch aufgewertet sei; Nakasone und Reagan seien „kongenial und voneinander beeindruckt“, wie die Japan Times lobte. „Nie stand ein japanischer Premier bei einem Gipfel dem Gastgeber auf offiziellen Photos so nahe wie Nakasone, dem nach Dienstalter nur eine Flügelrolle zustand.“ Aber zu dem Stolz auf die staatsmännische Statur mischt sich ebenso unverkennbar die Furcht, daß das Inselreich aus seiner Flügelrolle heraus ins Zentrum des weltpolitischen Kräfteverhältnisses gedrängt werden könnte. Außerdem schert der telegene japanische Regierungschef, der sein politisches Charisma in deutlicher Anlehnung an Reagan kultiviert, aus der politischen Tradition des Nachkriegs-Japan aus, die im schwerfälligen Gruppenkonsens bisher jede Profilierung ihrer Spitzenpolitiker erstickt hatte.

Das hat Nakasones Ruf als „Wetterhahn“ bestärkt. So wäre sein Antrittsbesuch in Washington im Januar längst vergessen, hätte er nicht in einem Interview mit der Washington Post Japan zunächst als „unversenkbaren Flugzeugträger“ apostrophiert, den Ausdruck dann bestritten, ihn schließlich aber doch auf Vorhalt der Zeitung bestätigen müssen. Nakasone, der Scharfmacher und Umfaller, obendrein ein Mann, der Japan durch außenpolitische Erklärungen verpflichtet oder diskreditiert, kurz ein Politiker, den man „bremsen muß“, wie die linke Asahi grollte?