Jurij Andropow kann die Fesseln des Systems nicht abstreifen

Von Christian Schmidt-Häuer

Ein amerikanischer Computer hat von Jurij Andropow verspeist, was zu bekommen war: Hunderte seiner Daten mit Haut und Haar, Reden und Schriften. Doch der Rechner bot keine großen Erkenntnisse an. Ungarische Emigranten von 1956 frischten Erinnerungen, sowjetische Informanten tischten Erfindungen auf. Das KGB servierte ihn janusköpfig: nach Westen mit reformfreudigen, friedlichen Zügen; nach Osten, für das Sowjetvolk, mit strenger Herrschermiene. Was Wunder, daß die westlichen Medien den neuen Mann im Kreml in den ersten Monaten fast so bunt und schillernd beschrieben wie die Regenbogenpresse ihre gekrönten Häupter. Der Persönlichkeit des Staats- und Parteichefs am nächsten kommt indessen eine Charakteristik, die weder aktuell noch voller Farbtupfer ist:

"Seelisch gehört er zur Rasse der Kaltblüter. Er kennt keine groben mitreißenden Leidenschaften, ist nicht zu Frauen getrieben und nicht zum Spiel, er trinkt keinen Wein, er freut sich nicht an der Verschwendung, er läßt seine Muskeln nicht spielen, er lebt nur in Zimmern zwischen Akten und Papieren... Das Bewußtsein der Macht selbst genügt: Er braucht nicht ihr Abzeichen und ihr Gewand... ist ehrgeizig im höchsten, im allerhöchsten Maße, aber nicht ruhmsüchtig; er ist ambitioniert, ohne eitel zu sein."

Ein Mann wie Fouché

Diese Sätze hat Stefan Zweig über Joseph Fouche geschrieben, jenen Ex-Revolutionär, der sich vom Jakobiner zum Polizeiminister Napoleons wandelte und der für einen Augenblick sogar auf dem Präsidentenstuhl landete, weil er Bonaparte, Lafayette und Carnot 1815 ähnlich gerissen überspielte, wie es der langjährige KGB-Chef mit Breschnjew und Tschernjenko praktizierte. Ansonsten entsprach das Tun des einen nicht dem Handeln des anderen: Gemessen am Intriganten Fouché ist dieser sowjetische Staats- und Parteichef nahezu ein Ausbund an Prinzipienfestigkeit. Nur kennzeichnen Zweigs Worte seine asketische Lebens- und Amtsführung ziemlich genau. Sie läßt sich auf die Formel bringen: Andropows Administration ist bescheidener in der öffentlichen Anhäufung und Zurschaustellung von Macht, aber härter gegenüber denen, die sie mißbrauchen.

Verschiedene amerikanische Blätter hatten das zu Beginn anders gesehen: Da wurde aus dem früheren Oberpolizisten ein geheimer Konsumfetischist. Das Wall-Street-Journal dichtete ihm eine Vorliebe für "Glenn-Miller-Platten, guten schottischen Whisky und amerikanische Bücher" an. Andere zählten Frank Sinatra und Peggy Lee zu seinen geheimen Verführern, außerdem Walzer, ungarischen Csárdás (1956!) und Tango, den "er elegant tanzt". Time kleidete den "Bibliophilen" und "Kenner moderner Kunst" in "Maßgeschneidertes westeuropäischen Stils". Als "perfekter Gastgeber" (Washington Post) führte er "Diskussionen mit Dissidenten, die manchmal bis in den Morgen" dauerten. Ein zufälliger Besucher seiner Datscha, so Harrison Salisbury, "fand ihn, als er die Stimme Amerikas hörte". Die allerletzten Relikte des Sozialismus, an die sich Andropow noch lehnte, waren danach "ungarische Möbel, Geschenke von Janos Kádár", – so also hat Ungarns Parteichef seine Dankesschulden für Andropows Unterstützung seit 1956 abbezahlt!