Von Hans-Otto Eglau

Allein der höflich vorgetragene Wunsch, ihn für ein Porträt zur Person befragen zu dürfen, kann Erwin Conradi in Rage versetzen: „Ich habe niemandem etwas getan, ich möchte in Ruhe gelassen werden.“ Auch die etwas unernsthafte Anspielung auf den als Meister des Versteckspiels in die Geschichte eingegangenen amerikanischen Industrie-Milliardär Howard Hughes kann den Chef des internationalen Cash & Carry-Giganten Metro nicht verbindlicher stimmen: „Ich sitze in einem gläsernen Büro, in dem mich jeder sehen kann, und lasse mir nicht irgendwo in einem abgedunkelten Raum die Haare und Fingernägel wachsen.“

Erwin Conradi tut sich fraglos schwer, sich und sein Unternehmen angemessen in der Öffentlichkeit zu repräsentieren. Er will „keine Person des öffentlichen Lebens“ sein, obwohl die Metro-Gruppe mit einem Jahresumsatz von schätzungsweise zwanzig Milliarden Mark sicherlich zu den erfolgreichsten Handelsunternehmen der Welt zählt. Und Erwin Conradi hat an diesem Erfolg entscheidenden Anteil.

Schon als der Mülheimer Elektrogroßhändler Otto Beisheim 1964 seinen ersten 15 000 Quadratmeter großen Einkaufsmarkt auf die grüne Wiese setzte, war der gebürtige Frankfurter mit von der Partie: Als Essener Niederlassungsleiter von IBM half er Beisheim beim Aufbau des für den Metro-Erfolg entscheidend wichtigen Computer-Systems. Kein anderes europäisches Handelsunternehmen hat zur Steuerung sämtlicher betrieblicher Abläufe die EDV so konsequent eingesetzt wie Conradis Großhandelskette. Eine mit Hilfe ausgeklügelter Rechnerprogramme lückenlose Überwachung des gesamten Warenflusses erlaubte beispielsweise in der Bundesrepublik, Absatz und Bestände jedes der rund vierzigtausend Metro-Artikel in allen vierzig Märkten täglich zu erfassen und abzurufen.

Dank einer solchen permanenten Inventur lassen sich „Schnellgänger“ im Warenangebot rechtzeitig nachdisponieren und Ladenhüter schon nach kurzer Zeit aus dem Sortiment streichen. Der gerade knapp zwanzig Jahre alte C&C-Gigant, der international etwa ebensoviel umsetzt wie die beiden über hundertjährigen Warenhauskonzerne Karstadt und Kaufhof zusammengenommen, ist den renommierten Traditionsunternehmen auf diesem Gebiet weit überlegen.

Mit kapitalkräftiger Hilfe seiner beiden Mitgesellschafter, der wie er selbst zu je einem Drittel beteiligten Familie Haniel und der ehemaligen Mülheimer Lebensmittelhändler Schmidt-Ruthenbeck, drängte Metro-Gründer Beisheim und sein 1969 zur Metro gestoßener Stabshelfer Conradi schon frühzeitig ins Ausland. Heute ist Metro das einzige wirklich internationale deutsche Handelsunternehmen: In nicht weniger als vierzehn Ländern betreiben die C&C-Newcomer von der Ruhr inzwischen über hundert Märkte, darunter in Holland, Belgien, Frankreich, Dänemark, England und Südafrika. Wenig mehr als ein Jahrzehnt, nachdem er noch selber vor seinem ersten Großraumladen die Markierungen für die Autos der Kunden auf den Parkplatz gepinselt hatte und seine Frau im Düsseldorfer Markt persönlich in der Schmuckabteilung aushalf, konnte sich Otto Beisheim mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft auf die Position eines Aufsichtsratsvorsitzenden zurückziehen und das Kommando statt dessen Conradi überlassen.

Anders als der temperamentvolle, jovial wirkende Beisheim ist Erwin Conradi jeder Zoll der kühl kalkulierende Stratege. Selbst im Unfrieden ausgeschiedene Metro-Manager, die ihrem ehemaligen Chef bis heute gram sind, bescheinigen dem 48jährigen Wirtschaftsingenieur („achtzig Prozent des Erfolges sind Fleiß“) ein ausgeprägtes konzeptionelles Denken, gepaart mit großem Durchsetzungsvermögen. Von seinen Managern fordert der schneidige Metro-Chef eine bedingungslose Unterordnung unter die in der „Metro-Verfassung“ (siehe „die zehn Gebote der Metro“) niedergelegten Ziele und Grundsätze des Unternehmens. Externe Berater sind dem Macher ebenso suspekt wie große Stäbe. Sein ureigenstes Führungsinstrument ist die Abteilung „Planung und Kontrolle“, die vor allem die Kostenentwicklung der Metrogruppe permanent überwacht.