Von Michael Skasa

Kabarett“, sagte mein Berliner Gastgeber, „Kabarett hab’ ich noch nie ausstehen können: Strauß telephoniert mit Zimmermann – das ist doch furchtbar.“ Er war zu Hause geblieben, ich ins „Institut für Lebensmut“ gegangen und ziemlich mutlos heimgekehrt: Es war mit Zimmermann telephoniert worden und mit Lummer, der Postminister (er hieß hier „Kabel-Schilling“, was belacht wurde) hatte einen Brief geschrieben, und mit einem Herrn Reibach war über den rechten Mißbrauch von Investitionszulagen geredet worden. Auch der Name Flick fiel, wie in so manchen lustigen Kabaretts dieser Monate. Wieder hatte jemand eine Behauptung „terroristisch“ genannt, und wieder war dies ein Zitat aus dem Grundgesetz gewesen. Waldsterben, Aerobic, El Salvador und CIA, die Sexualprobleme in WGs: Kabarett 1983, drei Männer, eine Frau, Szene, Gesang, Telephon – ich verstand meinen Gastgeber.

Aber das war und ist nicht Kabarett von heute, auch wenn es gerade läuft; es ist von gestern, aus den Zeiten, als manche Kabarettisten aufhörten, „weil es so ja wohl nicht mehr weitergehen konnte“, weder inhaltlich noch dramaturgisch. Dichtgemacht haben vor zehn, zwölf Jahren die alte Lach- und Schießgesellschaft, das Bügelbrett und das Berliner Reichskabarett, drei der besten. Doch sonderbar, sie sind nun wieder alle da – und sonderbarer noch: alle im alten Stil, als wäre nichts gewesen zwischendrin: Die Schauspieler wurden (teils) gewechselt, die Texter blieben (großenteils) und die Themen auch, Nixon wird nun Reagan genannt, Strauß bleibt Strauß.

Die Kaub stellte ihr Bügelbrett erst am Kurfürstendamm, dann im Steinplatz-Kino wieder auf, die Lach- und Schießgesellschaft macht am alten Ort mit ausgetauschten und immer noch umgetauschten Gesichtern weiter, und die Reichskabarettler logierten sich im Probenraum ihres nun vierzehn Jahre alten Grips-Theaters ein, unterm gelegentlich grummelnden S-Bahn-Bogen, und firmieren unter neuem Namen als „Institut für Lebensmut“. Ist alles wieder beim alten?

Werden wir bald wieder, bei allfälligen Fernsehübertragungen aus unsren Kabaretts, in den ersten Sitzreihen Politikerköpfe sehen, Köpfe, die lachen, daß sie fast zerspringen? So war das doch einst! Die hieben sich auf die Schenkel und den Nachbarpolitikern auf die Schultern: So komisch war Kabarett! Die Pointen knallten nur so, die Politiker kreischten nur so.

Das öffentlich-rechtlich zugelassene Kabarett formulierte seine satirischen Hiebe meist so, daß es den Großen in seiner Größe nur bestätigte, indem es zeigte, „was für Hund“ die Großkopferten doch wären, „was für gerissene Hammel“ – und das schmeichelte denen. „Schlitzohr“ wurde ein Ehrenname, Witze über Kohl und China waren allemal ein Hinweis auf dessen weltpolitische Bedeutung; wer die internationale Verflechtung der Multis geißelte, ließ nur den Stolz der Genannten schwellen. Die durchschlagende Wirkungslosigkeit derartiger Pointen hat sich hinreichend erwiesen, ein Aphorismus zu Verbrechen schien nicht länger angemessen – und außerdem: viele haben sich von „öffentlicher“ Politik zurückgezogen, ein Vorgang, der als Staatsverdrossenheit scheinbar dingfest gemacht wurde.

Es ist aber nicht Desinteresse am politischen, also am gemeinschaftlichen Leben, sondern es ist Ablehnung all dessen, wie unser Leben von den dazu Beauftragten gehandhabt und übers Knie gebrochen wird! Ein Großteil der Jüngeren und Mittelalter hält diese altgedienten Politiker für verloren und für ohnehin schon kaputt.