Hervorragend

Talking Heads: „Speaking in Tongues“. Die bibelfesten Anhänger dieses amerikanischen Quartetts werden den im Plattentitel versteckten Hinweis sehr wohl verstanden, möglicherweise gar als Überdeutlichkeit empfunden haben. Denn seine spezielle Gabe, in Zungen zu sprechen, nutze Talking Heads-Chef David Byrne immer schon seit dem Debüt vor sechs Jahren. Der Meister des Psycho-Pop mischt auch hier wieder Autobiographisches mit Nonsens-Fragmenten und Bewußtseinsstrom-Prosa mit kaum dechiffrierbaren Lyrik-Kürzeln. Die Geschichten des meist todernsten Byrne besitzen hier gelegentlich sogar ein Element von unterschwelliger Komik. Wie die des Ich-Erzählers in dem Song „Moon Rocks“, der einen vom Mond gekommenen Stein verschluckt hat und dessen Bauch plötzlich zu sprechen beginnt. – Musikalisch ist dies mit Blues-Einsprengseln, Reggae-Anklängen und Afro-Rhythmen aufwartende Album das mit Abstand am kommerziellsten kalkulierte der Gruppe: eine Byrnes-Party-Platte für alle, die zu einem oft ironisch-verfremdeten Disco-Sound tanzen und dabei auch noch lachen können. Musik für Stadtneurotiker, die einen neuen „Dschungel-Sound“ im Minimal-Rock-Gewand schätzen. (Sire/WEA 92-3883-1)

Franz Schöler

Hörenswert

Ludwig van Beethoven: „Klavierkonzert Nr. 5“. Es beginnt mit knallhart von der Pauke unterstrichenen Akkorden – aber dieser erste Schein von Kraft und markantem Elan, von Heftigkeit und Schneid trügt – Youri Egorov, einer der uns in letzter Zeit vertrauter gemachten jungen Pianisten, von denen der Ostblock offenbar ebenso wie der Westen erstaunliche Talente nachzuliefern in der Lage ist, nimmt gerade noch die einleitenden Ackordbrechungen und Skalen etwas intensiver fast stürmisch; aber schon mit der Orchester-Einleitung fährt Wolfgang Sawallisch am „klassische“ Ausgewogenheit und ein solides Maß zurück. Später dann möchte man es fast für übertriebene Vorsicht halten, wie Oktavpassagen angegangen werden. Ein außerordentlich lyrisches Adagio un poco mosso und ein weniger triumphal als tänzerisch artikuliertes Rondo: Egorov versucht das Konzert von seinem imperialen Ernst, dem majestätischen Druck zu befreien – seine Präzision und die Schönheit seiner Linien erreichen das. Wenn der Einwand erlaubt ist: die Unsitte, mit Stützmikrophonen eine Art Vergrößerungs-Effekt – hier vor allem für die Oboe – zu zaubern, wo sie eine so gänzlich andere Klangcharakteristik erzeugen. (Electrola 1 C 067-43 433). Heinz Josef Herbort