Von Ulla Plog

Die Eltern haben es gleich gemerkt, etwas hat sich, verändert. Hatte der Direktor des Gymnasiums, an dem sie ihr Kind anmelden wollten, früher schon mal angesichts der Zensuren bedeutungsvoll gesagt: „Na ja, wir wollen mal sehen“, so schien er jetzt irgendwie erleichtert beim bloßen Auftauchen eines neuen Schülers. Man wird umworben.

Nun ist das ja ein ziemlich neues Gefühl für Eltern, besonders für solche, die sich mit ihren nur wenige Jahre älteren Kindern aus den starken Jahrgängen ewig vor verschlossenen Türen befinden. Einzelne konnten es denn auch gar nicht fassen, wie jene Mutter, die, das magere Zeugnis ihres Sohnes in der Hand, aus dem Zimmer des Rektors trat und erleichtert ausrief: „Er hat ihn genommen, er hat ihn genommen.“ Der Sohn war die Nummer 41 auf der Liste der fünften Klassen, 43 kamen im ganzen zusammen, und das Gymnasium hatte ihn bitter nötig.

Tatsächlich gerieten in diesem Frühjahr in Hamburg simple Akte von Anmeldung zu Schicksalsentscheidungen über den Fortbestand von Institutionen. In vielen Schulen ging es um jedes Kind. Die Zahl der Schüler an den Grundschulen der Hansestadt hat innerhalb der letzten zehn Jahre um fünfzig Prozent abgenommen. In diesem Sommer ist der erste regelrecht schwache Jahrgang in den weiterführenden. Schulen angelangt, was das bedeuten würde, war den meisten Betroffenen seit der Vorlage des Schulentwicklungsplans mit dem schönen Namen „Sepl“ klar. 1700 Kinder weniger als im vergangenen Jahr für die fünften und 1000 Kinder weniger für die siebenten Klassen wurden gezählt. „Das kann nicht spurlos an der Schullandschaft vorübergehen“, sagte Senator Grolle.

Es ging auch nicht spurlos: Von den 450 Schulen der Hansestadt werden 51 über kurz oder lang die Tore schließen, darunter sieben Gymnasien, eine Gesamtschule, 39 Haupt- und Realschulen sowie vier Sonderschulen. Einige Schulen werden gleich geschlossen, andere laufen aus, bekommen vorläufig oder endgültig keine Eingangsklassen mehr und werden wohl vor sich hinkümmern. Das Grundschulnetz bleibt zwar unangetastet, dennoch ist der Einschnitt tief.

Zwar haben auch andere Länder solche Probleme oder werden sie mit der zweijährigen Verzögerung bekommen, die die Orientierungsstufe ihnen verschafft. Aber in Hamburg geht es besonders dramatisch zu – und das liegt nicht nur an der in Großstädten steiler abfallenden Geburtenkurve. Während andernorts die Schulen mit den großen Schülerzahlen wuchsen und nun langsam schrumpfen, war man in Hamburg ganz eifrig in der Gründung neuer Schulen. Noch in den siebziger Jahren haben die Schulsenatoren immer wieder auf die neuen Gymnasien hingewiesen, schon um dem Argument zu begegnen, alles Geld flösse in die Gesamtschulen.

Hinzu kam – eine politische Entscheidung – die Einrichtung der Gesamtschulen. Es gibt in Hamburg Gegenden, da finden sich in Fahrrad-Reichweite eine Gesamtschule, drei Gymnasien, zwei Haupt- und Realschulen und eine Orientierungsstufe. Da könnte man jetzt prima wählen, aber die Zahl der Kinder reicht zum Wählen nicht mehr aus – jedenfalls nicht nach Meinung der Sparpolitiker. Pädagogisch wäre ja nichts einzuwenden gegen wohlversorgte kleine Klassen in kleinen Schulen. Zwei Klassen in der Beobachtungsstufe der Haupt- und Realschulen sowie der Gymnasien und drei Eingangsklassen bei den Gesamtschulen hatte der Schulentwicklungsplan als Bedingung für den Fortbestand einer weiterführenden Schule formuliert. Wer leben soll, darüber entscheiden jedes Jahr per Anmeldezettel die Eltern.