Im Sommersemester 1824 studieren die Brüder Eduard und Karl Wedekind in Göttingen Jura. Eduard führt Tagebuch über die Attraktionen des Studentenlebens anno dazumal.

Mittwoch, 2. Juni 1824, mußte ich referieren. Der Fall betraf die Klage eines Ehemannes wider seine Frau in puncto der Verwaltung der dos (Mitgift) und Herausgabe davon gezogener Revenüen. Die Relation gefiel mir nicht recht, es war ein verwickelter Fall, und ich hatte sie sehr schnell machen müssen. Indessen war Bergmann doch bis auf einen Punkt meiner Meinung, und auch darin glaube ich recht zu haben. Die heutige Stunde war die letzte vor den Pfingstfenen.

Nachmittags gingen Karl und ich zu einem Elephanten, der jetzt hier vor dem Weender Tor gezeigt wird. Er ist sehr geschickt, aber klein; in Osnabrück sah ich einmal einen größeren.

An der Kasse saßen ein paar niedliche Mädchen, mit weiblichen Arbeiten beschäftigt, und der Mann, der den Elephanten seine Künste zeigen ließ, war so lebhaft dabei, daß es ordentlich eine kleine Komödie abgab. Er setzte sich hin, um mit dem Elephanten zu essen (Elephant gastronome), und wenn dann der Elephant ihm alles wegnahm, wobei er äußerst schelmisch aussah, tat der Führer, als ob er das nicht bemerkt habe, und wunderte sich, wo die Speisen geblieben seien. Dann mußte der Elephant an den daneben befindlichen Glockenzug gehen und klingeln, wobei ich mich wunderte, daß er den nie abriß. Auch schoß der Elephant eine Pistole los, die ihm auf einem Stock vorgehalten wurde, und dergleichen mehr...

Nebenan war noch eine Menagerie von etlichen Affen, Vögeln, einem Armadill und einem lebendigen jungen Krokodill. Beim Armadill (Gürteltier) ist das Wachstum merkwürdig, indem seine Schuppenringe sich von hinten nach vorn ablösen, alle Jahre einer, so daß es alle Jahre einen neuen Streif über den Körper bekommt; daran kann man sein Alter erkennen.

Es waren außer uns noch einige Studenten da und einige hübsche Mädchen. – An hübschen Mädchen muß Göttingen im vorigen Jahr sehr zugenommen haben, denn ich sehe hier jetzt wirklich sehr viel hübsche Gesichter, während ich früher fast gar keins sah. – Die Mädchen sind hier wirklich übel daran. Je nachdem sie viel oder wenig Umgang haben, laufen sie Gefahr, die Unschuld ihres Herzens zu verlieren oder wenig Bildung zu erlangen.

Donnerstag, 3. Juni 1824. Dieser Tag war für mich äußerst interessant; ich habe etwas gesehen, was ich vielleicht nie wieder zu sehen bekommen werde, eine Geburt.