Von Christine Dietrich

Üppige Früchte-Farben, überquellende Pflanzen-Formen, Arkaden, Bogengänge, alte Mauern, ewige Gesichter. Der Orta-See ist gut für alle unsere romantischen Wünsche. Er lockt mit uralten Sirenenklängen, er macht uns satt, wenn wir nach Harmonie hungern, er stillt unseren Durst nach Vergangenheit.

„Komm. Capitano, hol über!“ Wir sitzen im Ort Orta am See bei einer Flasche Roten und rekapitulieren, was wir wissen: Orta, 850 Einwohner, altertümliches Städtchen zu Füßen des Sacro Monte, auf einer Halbinsel des Sees gelegen. Der Reiseführer schreibt vom hübschen Palazzo Communale, von Bogengängen und Türmchen, von der Insel San Giulio mitten im See. Die Basilika soll vom Heiligen selbst gegründet sein ...

Aber wie dahin kommen? Kein Boot am Ufer. Je leerer die Flasche wird, um so größer unsere Entschlossenheit. Schwur unter Freunden: ohne die Insel San Giulio kein Zurück! Und da tuckert plötzlich etwas auf dem Wasser. Ein kleines Motorboot, ein dicker Kapitän, eine forsche Flagge am Heck. „Wann, bittschön, fahren Sie hinüber?“ „Wann Sie wollen!“ „Und wann zurück?“ „Wenn Sie drüben pfeifen.“ So einfach ist das! In Orta.

Nun ja, der See, im Altertum Lago Cusio genannt, ist klein, zwölf Kilometer lang, zwei Kilometer breit, vielleicht genügt wirklich nur Pfeifen und Armschwenken. Die schroffen Berge hinter der Insel San Guilio, die zu den Ausläufern des Monte-Rosa-Massivs gehören, liegen im Dunst.

Wir hatten die Strenge der Alpenlandschaft verlassen, waren über Stresa gekommen, vom Lago Maggiore. Alles hier in Oberitalien ist Fülle. Schon im Frühjahr blühen die Mimosen, die Magnolien, die Kamelien und bis in den Winter die dicken Hortensiendolden.

Crociera heißt die Kreuzung kurz vor der Halbinsel, auf der der Ort Orta liegt. Früher stand hier eine kleine Herberge, und der Postkutscher wechselte die Pferde. Heute steht hier dieses verrückte Haus. Architekten haben sich jahrzehntelang geärgert und hätten dieses Haus gern wegdiskutiert: die Villa Crespi in merkwürdigem maurischem Stil – phantasievoll oder geschmacklos? Gern würde ich dieser Frage nähertreten. Aber kaum habe ich einen Fuß durch das hohe Tor gesetzt, kommen große wütende Hunde auf mich zugehetzt. Dafür hat man hier oben vom Parkplatz aus eine bella vista über das alte Städtchen Orta, die Landzunge, den See, die Insel. Sie liegt wie ein mächtiges Schiff inmitten des Wassers.