Von Dietrich Strothmann

Wenn die Tragödie zur Farce wird: Ausgerechnet Saad Hadad, der von den Israelis ausgehaltene, ehemalige libanesische Major, hat Jassir Arafat, dem Chef der Palästinensischen Befreiungsfront, Asyl in dem von ihm ausgerufenen "Freien Libanon" angeboten, ausgerechnet sein Erzfeind. Natürlich ist die Offerte nicht ernst gemeint, natürlich hat Arafat darauf auch nicht reagiert.

Wenn die Tragödie zur Tragikomödie wird: Es war, wie gehabt, die Prawda, die schlankweg behauptete, die Rebellion innerhalb der palästinensischen Fatah-Organisation gegen ihren Anführer Arafat sei das Ergebnis von "Machenschaften der Vereinigten Staaten, Israels und bedauerlicherweise einiger Araber". Als ob Washington oder auch Jerusalem dem syrischen Präsidenten Assad oder den meuternden Fatah-Offizieren Anweisungen erteilen könnten, Arafat in die Wüste zu schicken.

Die Wirklichkeit sieht, wie schon so oft in der bewegten Geschichte des palästinensischen Überlebenskampfes, ganz anders aus. – Da ist einmal Hafez el-Assad, der syrische Staatschef, der im benachbarten Libanon wie in der arabischen Welt seine Machtstellung ausbauen will, und sei es auf Kosten eines palästinensischen Bruderkrieges. Und da ist Jassir Arafat, der mit seinem Entspannungsversuch im Nahost-Konflikt Schiffbruch erlitten hat und dafür nun mit seiner Entmachtung büßen soll. Nichts anderes steckt nämlich hinter dem Versuch der von Damaskus gedeckten und geförderten Rebellion innerhalb der Fatah-Reihen, die unter Leitung des abgefallenen Vize-Operationschefs Abu Musa in der syrisch kontrollierten Bekaa-Ebene im Ostlibanon vor zwei Monaten ausbrach. Dieser Aufruhr hat bereits dazu geführt, daß Jassir Arafat von seinem Gegenspieler Assad zur persona non grata erklärt worden ist und außer in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli keine Bleibe mehr nahe Israel besitzt. Er droht endgültig heimatlos zu werden, fern von Palästina.

Dabei war der äußere Anlaß für den Aufstand der Fatah-Freischärler gegen den ehedem von ihnen als "Vater" gefeierten Arafat geringfügig. Er hatte zwei seiner Getreuen zu Kommandeuren ernannt, die bei den Rebellen aber als unfähig und feige galten. Das brachte das Faß zum Überlaufen. Alte Beschuldigungen gegen den "Defaitisten" und "Bourgeois" Arafat wurden wieder laut; überholte Anwürfe, er wolle die Ideale der Palästinensischen Befreiungsfront zugunsten der Reagan-Initiative verraten, heizten die Meuterer an.

Tatsächlich hatte Arafat längst die Fortsetzung des "bewaffneten Kampfes" gegen die israelischen Invasoren im Südlibanon befohlen und König Hussein eine Abfuhr für den Plan einer von Washington initiierten jordanisch-palästinensischen Konförderation erteilt. Auch war es Arafat gewesen, der letztes Jahr zwei Monate lang in dem von der israelischen Armee belagerten und bombardierten Beirut ausgeharrt hatte, nicht aber seine Widersacher George Habasch (Volksfront für die Befreiung Palästinas) und Naef Hawatme (Demokratische Front). Damals war ihm auch nicht der syrische Präsident zur Hilfe gekommen, der ihn letzte Woche wie einen reudigen Hund des Landes verwies.

Statt dessen hat der Groß-Syrien-Träumer Assad seine im Bekaa-Tal stationierten Einheiten angewiesen, die Rebellen zu unterstützen und die Arafat-Anhänger zu umzingeln. Seitdem sind die Rohre der syrischen Geschütze auf die letzten Bastionen der Getreuen des PLO-Chefs gerichtet, nicht aber auf die Israelis. Seitdem werden Konvois, die den Eingeschlossenen Waffen und Lebensmittel bringen sollen, beschossen. Seitdem kann Arafat den Syrer beschuldigen, dieser vollende – nach den Israelis – das Blutbad an den Palästinensern. Schon sieht es so aus, als könne der inzwischen zurückgetretene israelische Verteidigungsminister Ariel Scharon noch eben späten, endgültigen Sieg über die "palästinensische Mörderbande" feiern. Damals war es ihm nur gelungen, dem militärischen Potential der PLO im Libanon einen schweren Schlag zu versetzen; jetzt sind die Syrer mit Hilfe ihrer palästinensischer. Kollaborateure dabei, der Arafat-Organisation auch die politische Potenz zu nehmen.