Von Hanno Kühnert

Klein Pampau

Klein Pampau hat groß von sich reden gemacht. Das Haufendorf, 46 Kilometer von Hamburg und sechs Kilometer von der DDR-Grenze entfernt, hat sich zur atomwaffenfreien Zone erklärt. Bürgermeister Gerhard Hellwig unterschrieb zudem einen Brief an alle Bundestagsabgeordneten "Mit freundlichen Grüßen" legte er ein Gutachten des Hamburger Rechtsprofessors Norman Paech bei, in dem Paech den Nato-Nachrüstungsbeschluß unter fünf Gesichtspunkten für verfassungswidrig erklärt; und wenn es an der Zeit ist, wollen Bürger der Gemeinde Klein Pampau in Karlsruhe eine einstweilige Anordnung beantragen, die die Raketenaufstellung zunichte machen soll. Friedensinitiativen aus Kleinkleckersdorf? Weltpolitik von Bauern aus einem schleswig-holsteinischen Krähwinkel? Wie ist der Boden beschaffen, auf dem so etwas gedeiht?

Klein Pampau ist jetzt immerhin bekannt. Dagegen ist Groß Pampau fast unbekannt. Groß Pampau ist klein (120 Einwohner), Klein Pampau dagegen ist groß (550 Bürger). In Groß Pampau – es liegt zwei Kilometer westlich von Klein Pampau – werden Erdbeeren und Fertigbeton angeboten. Sonst ist nichts los dort. In Klein Pampau gibt es frischen Spargel und Edeltannen zu kaufen, auch befindet sich dort eine Wurstpellenfabrik, aber Geschäfte oder eine vernünftige Kneipe hat Klein Pampau auch nicht. Doch ist in Klein Pampau, Kreis Herzogtum Lauenburg, gelegen am Bach Steinau, ziemlich viel los.

Seltsamerweise steht eine Sprengstoff-Fabrik am Anfang der Kausalkette, die zu den energischen Friedenstaten von heute führt: In der Kaiserzeit und vor dem Ersten Weltkrieg war dieser idyllische Landstrich ein Goldgräberland für Munitions- und Pulverfabrikanten, die abseits der Städte ihre Produktion aufzogen. Vielleicht deshalb verirrte sich 1920 der Schweizer Konzern "Securitas" nach Klein Pampau. Das hieß damals "Arbeitsbeschaffung". Drei Jahre baute man Betonbunker, Wälle und Gräben für die Herstellung eines Sicherheitssprengstoffes. Die Produktion war alles andere als sicher; daher baute man schwer armierte, dicke Gebäude: Ging eines in die Luft, so war doch nicht die ganze Anlage gefährdet. Drei Jahre produzierte die "Securitas", dann kaufte Dynamit-Nobel die ärgerliche Konkurrenz und legte sie still. In die Sprengstoff-Kasematten zogen wahrhaftig Menschen zum Wohnen ein: Makler und eine Gesellschaft brachten die Bunker unter die Leute;

Im Krieg hausten in den Securitas-Höhlen auch "Fremdarbeiter", nach dem Krieg zogen Hunderte von Ausgebombten aus Hamburg und Flüchtlinge in die Beton-Ungetüme. Die Obrigkeit hatte damals wohl nicht die Kraft zu verhindern, daß dieses eigentümliche Quartier zu einem Dorf-Slum wurde. Achtzig Bunker waren ohne Bauleitplanung in sich überlappendes chaotisches Eigentum aufgeteilt. Sogar unter der Erde lag so manche Notwohnung. Die Gemeinde wuchs auf 600 Einwohner an, aber viele von ihnen lebten in lichtlosen Betonklötzen, ohne Wasser-, Strom- und Abwasseranlagen. Die Wege, wenn es überhaupt welche gab, waren in unsäglichem Zustand, die Eigenbau-Kläranlagen bedrohten das Grundwasser, Hohlwege durchschnitten das Gelände – kurz: Fachleuten sträubten sich noch 1970 die Haare.

Die alte Gemeinderegierung von Klein Pampau hatte dieses Gebiet nur äußerlich sanieren wollen. Sie hatte Wege, Entwässerungsanlagen und Beleuchtung geplant, scheiterte aber an den Schwierigkeiten. Um 1968 bahnte sich eine grundlegende Änderung in Klein Pampau an. Der alte Bürgermeister warf das Handtuch. Eine zupackende Mannschaft von Sozialdemokraten gewinnt seitdem die Wahlen und stellt die Mehrheiten im neunköpfigen Gemeinderat, zuletzt 1982 hauchdünn: SPD fünf, Freie Wählergemeinschaft (FWG) vier, CDU null. In Klein Pampau gibt es keinen CDU-Ortsverein mehr, aber einen rührigen SPD-Ortsverein mit 49 Mitgliedern.