Nur noch wenige Tage, und die spätindustrielle, alljährliche Völkerwanderung zeitigt wiederum ein Phänomen, das bislang, gewissermaßen zwangsläufig, breiter Aufmerksamkeit entgangen ist: die Großstadt an sich, pur, menschenleer, entvölkert. Dann legt sich ein entspanntes Gähnen über Straßen und Plätze, ausgestorbene Schulhöfe und vor sich hindämmernde Bürogebäude. Es ist die Zeit der stets zahlreich zur Verfügung stehenden Park- und Tennisplätze, der heruntergelassenen Rolläden und Jalousien, der melancholisch verstaubenden Notdekorationen und der Anrufbeantworter (deren bürokratische Erklärungen meist freudlos wirken: „Zur Vereinfachung des Urlaubsschemas macht unsere Firma geschlossen Betriebsurlaub...“).

Bloß tote Hose und null action? Mitnichten. Zum einen läßt sich viel lernen in dieser selbständigen Zeit. Beispielsweise, daß zur Bewältigung des Alltags weitaus weniger Dienstleistungen notwendig sind, als das Jahr über angenommen. Das Besohlen der Schuhe kann doch ebenso warten wie der Druckauftrag für privates Briefpapier. Mal vorbeizuschauen, kann indes nicht schaden, schon wegen der spannenden Wette mit sich selbst: geöffnet oder nicht? Außerdem ist das Schild in Augenschein zu nehmen, mit dem der „werten Kundschaft“ die Abwesenheit erläutert wird. Die nüchternen, mit versteckten Aggressionen gegen lästige Kunden Hadernden halten sich an das Normschild mit schamlos übertreibender Palme. „Wir machen Urlaub“, steht da in rotgestanzter Schrift, „vom... bis“ muß nur noch mit alle zwölf Monate erneuertem Heftpflaster ergänzt werden.

Doch viele Selbständige nutzen diesen Freiraum, um ihre sonst unterforderte Kreativität unter Beweis zu stellen. Da gibt es zum Beispiel jenen Gemüsehändler, der in sein Plakat – es nimmt das halbe Schaufenster in Anspruch – den ganzen Frust von 344 Tagen Porree, Ingrid Marie und unmenschlich frühen Großmarktzeiten hineingelegt hat. Sonne, Surfbrett, Strandleben mit Bienen – in prallen Farben läßt er seine Kunden am Traum vom schönen Leben teilhaben. Wer ließe ihn nicht neidlos ziehen und hielte sich derweil nicht an die Konkurrenz, sondern ans Eingemachte?

Zum anderen aber und überhaupt ist der Sommer in der leeren Großstadt die Zeit ihrer eigentlichen Menschlichkeit. In den leeren Kneipen läßt sich eine muntere Kommunikation und Lockerheit erleben, von der an gedrängt vollen Winterabenden, Platzangst gratis, keine Rede sein kann. Wann sonst gibt es einen Morgengruß vom Busfahrer, Verkäuferinnen, die nicht bloß mit der Kasse klingeln können, sondern zum Feilschen aufgelegt sind, und U-Bahn-Kontrollettis, die den Fahrschein nicht so kleinkariert sehen? Die alte Erkenntnis „Eng macht böse“ erfährt in der Umkehrung der Verhältnisse ihre Bestätigung: Leer macht gut.

Bislang galten alle diese Vorzüge auch und in besonderem Maße für Paris. Dank der landesweiten Bevorzugung des Monats August als einzig möglichem Reisetermin war die Seine-Metropole früher während dieser vier Wochen geradezu berüchtigt leer. Jetzt allerdings droht dieser Idylle das volle Ende. Denn angesichts der unerträglichen Bevormundung durch die Regierung mittels drakonischer Devisenrestriktionen beschlossen, wie gemeldet wurde, viele Franzosen, die Beleidigten zu spielen und mal gar nicht wegzufahren. Dagegen wäre nichts einzuwenden, ginge es lediglich um die Demonstration machtvoller Verweigerung. Aber was, wenn es nun mit dem ausgestorbenen August für immer vorbei ist, wenn der Bazillus des Dableibens auch auf die Nachbarländer übergreift, wenn die süße Lust der Leere zur Luxusausnahme wird?

Diejenigen, die diesem Geheimnis der Lebenskunst seit Jahren verfallen waren, die aber – und sie hatten Gründe dafür! – wissendes Schweigen darüber bewahrten und nur still auf die nächste Reisewelle warteten, befällt Beklemmung. Schließlich geht es ihnen nicht um die Leere an sich – da wäre Abhilfe zu schaffen (Sahara, Sibirien, Südpol) –, sondern um die Großstadt an sich, die Heimat von Millionen...

Anna von Münchhausen