Von Harun Farocki

Schon beinahe seit zwanzig Jahren sehe ich die Filme von Danielle Huillet und Jean-Marie Straub und bin ihrer eingedenk. Dieses Mal habe ich das Vergnügen, eine kleine Rolle zu spielen, und so erfahre ich etwas von der vorbereitenden Arbeit. Das Projekt ist „Amerika“ nach dem Romanfragment von Kafka. Das Drehbuch der Straubs ist eine Kompilation, eine Zusammenstellung aus dem Material Kafkas. Der Text, den die Darsteller sprechen sollen, folgt der von Jost Schillemeit besorgten Neuausgabe, ist ohne die Max Brodschen Glättungen, die man bisher lesen mußte. Sätze, die bei Kafka Erzählung sind, werden gelegentlich in die Rede eingeschlossen, aber es gibt nichts von der beim Film üblichen Anpassung des Textes an das vermeintlich Filmische, nichts von dieser Ummodelung, die man bei der Musik „Neuarrangement“ nennt. Kafkas Eigenes bleibt erhalten, auf das Selbstverständlichste.

Natürlich verkürzt das Drehbuch die Erzählung. Nachdem Roßmann in Amerika angekommen ist, kommt er für eine Weile bei seinem Onkel unter: Davon erzählt der Film nur, wie er aufgenommen wird und von dem Tag, an dem er verstoßen wird. Ich glaube, der Film wird eine Folge von Verhören und Verhandlungen sein und wie ein historischer Prozeß erscheinen, ein Wort, das nicht nur an Jeanne d’Arc erinnert, auch an die großen Formwechsel im sozialen Leben. Da geht die Verhandlung um Eignung und Enteignung.

Vielleicht, weil es um einen deutschen Text geht, suchen die Straubs die Schauplätze für den Film hier, zunächst auch in Westberlin. Ich führe sie herum wie ein Schloßherr durch seinen Weinkeller, zu jeder Flasche eine besondere Geschichte. Dieser ewigen Gründerzeithäuser in Filmen satt, zeige ich ihnen Arbeitersiedlungen zwischen Expressionismus und Faschismus. Straub bleibt vor einem Laubenganghaus aus den fünfziger Jahren stehen, mit diesen offenen, betonarmierten Galerien vor den Wohnungen.

Später zieht der Film von Westberlin ganz weg, „Amerika“ wird in Hamburg und Umgebung gedreht werden, bis auf die letzten Bilder, von einer Fahrt mit der Eisenbahn den Missouri entlang. Das Geld kommt zusammen: je 250 000 Mark vom Bundesministerium des Innern und dem Hessischen Rundfunk, 200 000 von der Hamburger Filmförderung und noch einmal 100 000 von der Filmförderungsanstalt, zusammen 800 000 – selten tauscht man für dieses Geld eine solche Menge Arbeit ein.

Die Straubs machen Filme, die auch bei Ausdehnung eines Romans die Genauigkeit eines Gedichts haben. Wenn man von ihren Filmen ausgeht, muß man sich empören, wie schwer sie Unterstützung finden. Wenn man vom Filmbetrieb ausgeht, muß man sich wundern, wieviel Unterstützung sie finden. Und von wem! Sie haben das Geld das eine aufs andere Mal zusammengekriegt. Sie warten nicht aufs Geld und gehen zuerst an die Arbeit, das gibt ihnen die Kraft, etwas zu verlangen. Sieht man ihnen zu, gibt es den Anschein, diese Kraft könne nicht ins Leere gehen.

Zwischen Winter 1981 und Frühjahr 1983 kommen die Straubs immer wieder nach Westberlin, um mit den hier wohnenden Darstellern zu proben. Auch der des Roßmann, der in jeder Szene dabei ist, wohnt hier. Beim ersten Termin liest der Darsteller in Einzelprobe den Text ein paar Mal vor, es werden ein paar Gliederungen und Betonungen festgelegt. Danielle Huillet notiert das, später tippt sie die Sätze neu: