ARD, Mittwoch, 22. Juni, und Donnerstag, 23. Juni, jeweils 20.15 Uhr: „Lebensläufe – Die Geschichte der Kinder von Golzow in einzelnen Porträts“, Dokumentarfilm aus der DDR von Winfried Junge (Regie) und Hans-Eberhard Leupold (Kamera).

Wer hätte je von diesem Ort gehört? Golzow, Kreis Seelow, Bezirk Frankfurt/Oder, im äußersten Osten der DDR. Ein deutsches Dorf wie viele andere, wahrscheinlich, aber auch ein Dorf wie keines auf der ganzen Welt. Aus der Geschichte der Kinder von Golzow (die keine Kinder blieben, die selber welche bekamen im Lauf der Zeit, um den es geht) entstand eine Chronik, für die es kein Beispiel gibt in der Geschichte des Films.

Eine Beobachtung über sechzehn Jahre, von 1963 (dem Jahr des Mauer-Baus) bis 1979 (dem Jahr, in dem im anderen Deutschland, von dem hier nie die Rede ist, eine neue Ära begann). Immer wieder fuhren der DDR-Regisseur Winfried Junge und der Kameramann Hans-Eberhard Leupold mit ihrem Team nach Golzow, neun ganz und gar durchschnittlichen Lebensläufen auf der Spur: Einschulung, Unordnung und frühes Leid, die Träume der Kinder und die Enttäuschungen der erwachsen Gewordenen, Klassenzimmer und Kaserne, Feste, Veränderungen, Ehen, Trennungen. Golzow: das ist die ganze Welt.

Ungewöhnlich, gar spektakulär ist nichts an den geduldig ausgebreiteten Schicksalen von Jürgen und Ilona, Dieter und Brigitte. Mehr als ungewöhnlich sind diese „Lebensläufe“ gleichwohl in jeder Hinsicht, nicht nur wegen ihrer monumentalen Länge von 255 Minuten. Allein die Tatsache, daß diese deutschen Alltags-Geschichten, die der Regisseur Junge aus sechs früheren, kürzeren Filmen montierte, zur allerbesten Sendezeit im Gemeinschaftsprogramm der ARD liefen, muß als sensationell gelten. Wann leistet sich unser Fernsehen schon mal eine Sternstunde?

Der lange Blick auf das Dorf Golzow zeigt die DDR weder als sozialistisches Musterland (dafür geht in den Biographien zuviel Bitternis, unerfüllte Hoffnung um) noch als Heimstatt eines grauen, uniformierten Lebens. Man sieht, wie sich, ganz allmählich, Gesichter und Haltungen verändern, wie Menschen lernen, mit diesen Veränderungen umzugehen. Im gewöhnlichen Fernsehen, das zwei glorreiche Abende lang in der ARD nicht stattfand, sieht man das nie. Aus den „Lebensläufen“ kann man lernen, daß die Existenz einer Facharbeiterin für Halbleiter-Technik im Oderbruch mehr Spannung und Dramatik birgt als das wüste Treiben von J. R.: wenn man so genau und geduldig hinschaut wie Junge und Leupold.

„Langzeitbeobachtung“ heißt diese Spielart des dokumentarischen Films. Sie hat durchaus ihre Tücken. Auch die Haltungen von Filmemachern verändern sich im Lauf von sechzehn Jahren. Nicht zuletzt davon handelt, in lakonischer Sprache, der Film „Lebensläufe“: von Versäumnissen und Fehlern, von ungeschickt gestellten Szenen, von falsch gestellten Fragen. Winfried Junge unterwirft seine Methode einer permanenten Selbstkritik. Der Film ist immer auch Material-Prüfung, Werkstatt-Bericht.

Zwei Fragen bleiben: Warum mußte der WDR ein überflüssiges, postkartenbuntes Nachwort anhängen?. Wenn überhaupt, hätte man sich dafür interessiert, was aus den Kindern von Golzow seit 1979 geworden ist. Kein Wort davon.