London, Ende Juni

Als ich jung war, hätte ich eine Margaret Thatcher nicht ertragen: Enge Welt; ihre Überlegenheit ausspielend, wie das damals Eltern und Lehrer gegen die Kinder taten; auf ihrem Vorrang bis zur Entmündigung der Umwelt bestehend. Sie weiß, daß sie immer recht hat; sie widerspricht sich nie, sie verspricht nichts. Sie ist nie ein bißchen menschlich-nachlässig. „National“ nicht aus Liebe zum Vaterland, sondern aus Stolz auf seine Größe. Wenn „Maggie“ auf dem Fernsehschirm erscheint, erschrecke ich. Ihre immer gut sitzende Frisur bringt mich in Wut Unter vier Augen, „privat“, soll sie liebenswürdig und hilfsbereit sein – darüber erzählt man rührende Anekdoten, die ich nicht glaube.

Aber welche Verwandlung, wenn sie spricht und diskutiert. Sie erfaßt den Gegner mit festem Blick: Was immer der sagt, sie wird ihn elegant, oft liebenswürdig erledigen, manchmal aber Kurz aufspießen. Noch nie war sie – auch und gerade im Parlament – einem Gegner unterlegen. Sie steht mindestens einen Rang höher als alle ihre Kontrahenten im eigenen und im anderen Lager; neben ihr verschwanden auf dem Wahl-Bildschirm Denis Healey (Labour) und Roy Jenkins (Allianz der rechten Sozialdemokraten, SDP, mit den Liberalen); und Michael Foot (Labours erster Mann) war gar zum Erbarmen. Das durch Margaret Thatchers hartes äußeres Bild zu erkennen, habe ich lange gebraucht.

So ist es auch ihrer Nation ergangen. Vor den „Falklands“ stimmten nur 25 Prozent ihrer Politik zu, 50 Prozent gegen sie. Sie entschied sich so schnell für diesen (wohl notwendigen) Krieg, daß auch die Engländer ihren dennoch berechtigten Zweifeln nicht mehr nachzugehen brauchten – einmal im Krieg, ist der Engländer immer für seine Regierung. Die Präzision, mit der sie das Kriegsgeschäft abwickelte, ließ Minister stöhnen; die Nation bekam Respekt: Margaret Thatcher konnte führen; sie behielt auch im Krieg die Nerven.

Vielleicht, sagten sich deshalb die Engländer, ist also ihre schmerzhafte Wirtschaftspolitik (drei Millionen Arbeitslose; Arbeitslosengeld: etwa 20 Milliarden DM jährlich) doch richtig? In der Tat: Zwar weiß niemand genau, wie viele Leute die Unternehmen zuviel (also unproduktiv) beschäftigen müssen, weil die Gewerkschaften das so verlangen. Man weiß nicht, wieviel Zeit durch Bummelei ( tea-break etwa) verlorengeht. Diese „verdeckte“ Arbeitslosigkeit beträgt sicher nicht weniger als zehn Prozent, vielleicht 20 Prozent der Beschäftigten. Nur über Firmenzusammenbrüche zuerst, später durch wachsende Einsicht der Gewerkschaften läßt sich dies grausame System abbauen – heute schon sind Millionen der bisher verdeckten Arbeitslosen sichtbar geworden; in zwei Jahren könnten es fünf Millionen sein. Nur wenn es gelingt, die noch brauchbare Restwirtschaft so rentabel zu machen, daß sie die ausländische Konkurrenz zunächst im eigenen Lande verdrängt (also die „englischen“ Autos nicht mehr in Japan, sondern in England gebaut werden) und dann auf den Weltmärkten schlägt, erst dann kann der Abbau der Arbeitslosigkeit beginnen.

Was da zwischen Gewerkschaften und Unternehmern noch immer, bei drei Millionen Arbeitslosen, los ist, mag der Streik bei der international angesehenen Londoner Zeitung Financial Times (FT) zeigen. Das Blatt verkauft etwa 220 000 Stück wöchentlich, davon über 7000 in der Bundesrepublik (ein Stück in der DDR!).

Über den Streik bei der FT gibt die Geschäftsleitung zwar freundliche, aber nichtssagende Auskünfte. Die Kollegen aus der Fleet Street (die der FT das gute Geschäft neiden) reden dafür um so mehr. Es scheint so auszusehen (siehe auch Wilfried Kratz, ZEIT Nr. 26, S. 19): Die technischen Mitarbeiter der FT gehören zwei Gewerkschaften an, der SOGAT (Society of Graphical and Allied Trades) und der NGA (National Graphic Association), die letztere mehr für das gehobene Personal. Beiae konkurrieren miteinander, jede möchte für ihre Gruppe das meiste herausholen. Vor fast zwei Jahren schien man sich zu dritt zu einigen: Die Gehälter der SOGAT-Leute sollten um etwa zehn bis zwölf Prozent unter denen der NGA-Mitglieder liegen. SOGAT unterschrieb, NGA nicht. Plötzlich verlangte NGA, daß der Verlag für dieselbe Arbeit an derselben Maschine mehr Leute einstellte (natürlich zu den gleichen Bezügen), statt 20 etwa 24 (statt 25 etwa 30, sagen andere Fleet Street-Kollegen). Aber übereinstimmende Meinung in Fleet Street: Die Maschinen waren schon jetzt mit 20 oder 25 Druckern überbesetzt.