Schicksale unter der argentinischen Diktatur Von Margrit Gerste

Ellen Pinkas de Marx ist gerade 17 Jahre alt, als am 9. November 1938 mit der Kristallnacht der offene Terror der Nazis gegen die Juden losbricht. Sie muß ihre Schule, ein Gymnasium in Berlin, verlassen. Ein Jahr später flieht sie ins Ausland. Ein jüdischer Hilfsverein in Buenos Aires ermöglicht ihr die Einreise nach Argentinien. Der Abschied von den Eltern wird zu einem Abschied für immer. Den Namen ihrer Mutter findet Ellen nach dem Krieg auf den Deportationslisten des 31. Osttransports nach Auschwitz. Sie wurde ermordet. Auch ihr Vater überlebte die Nazizeit nicht.

Leonor Gertrudis Marx ist 27 Jahre alt, als in Argentinien die Generäle putschen. Das Datum des 24. März 1976 markiert den Beginn eines Terrorregimes, dem bis heute Zehntausende von Argentiniern zum Opfer gefallen sind. Auch Leonor Gertrudis Marx ist darunter, Tochter von Ellen Marx, die dem Nazi-Terror nur knapp entkam.

An einem Samstagnachmittag im August 1976 verläßt Leonor die Wohnung ihrer Eltern in Buenos Aires, um sich mit Freunden zu treffen. Am Abend ist sie zu einem Kinobesuch verabredet. Sie hält die Verabredung nicht ein, auch zu Hause warten die Eltern vergeblich auf sie. Vierzehn Tage später meldet sich am Telephon ein Mensch, der seinen Namen nicht nennen will. Er solle Grüße von Leonor bestellen, sie hoffe, die Eltern bald wiederzusehen.

Sieben Jahre sind seitdem vergangen, Leonor kam nicht wieder. Sie bleibt verschwunden. Verschwunden wie 30 000 andere Frauen, Männer, und Kinder im „schmutzigen Krieg“ der Militärs gegen die Bevölkerung. Diese Zahl nennt ein Erzbischof und beruft sich dabei auf Informationen aus dem Innenministerium in Buenos Aires.

Verschwunden nach einer Methode, die einem Führerbefehl, dem „Nacht-und-Nebel-Erlaß“ Adolf Hitlers vom 7. Dezember 1941 – also auf dem Höhepunkt des Krieges – auf fatale Weise gleicht: „Eine wirksame und nachhaltige Abschreckung ist nur durch Todesstrafen zu erreichen oder durch Maßnahmen, die die Bevölkerung im Ungewissen über das Schicksal des Täters halten. Die abschreckende Wirkung dieser Maßnahmen liegt a) in dem spurlosen ,Verschwindenlassen‘ der Beschuldigten, b) darin, daß über ihren Verbleib und ihr Schicksal keinerlei Auskunft gegeben werden darf.“

Was hat Leonor, die Meteorologin, getan, daß Junta-Schergen und Folterknechte sie verschleppten? Die Mütter erhält keine Antwort. Sie weiß: Leonor hat sich niemals parteipolitisch bestätigt.“ Was ist aus der jungen Frau geworden? Sieben Jahre sucht die Mutter ihre Tochter: in Gefängnissen und in Kasernen, auf Polizeikommissariaten, Gerichtshöfen und im Innenministerium. Und immer erhält sie die gleiche Antwort: Name unbekannt, Aufenhaltsort unbekannt.