Aus einer Vielzahl neu erschienener „phantastischer“ Kinderbücher haben wir den bei Beltz & Gelberg erschienenen Band von Simon & Desi Ruge „Das kühne Mädchen“ ausgewählt. Andersen und Carroll hätten bei diesen Erfindungen Pate gestanden, verheißt die Verlagsankündigung. Die sieben Erzählungen des von Jürg Wollmann illustrierten Bandes werden diesmal aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Wolfdietrich Schnurre versteckt seine Gedanken witzig im schnoddrigen Brief einer echten Berliner Göre. Birgit Libelt, Studentin der Fachhochschule Hamburg (Fachbereich Bibliothekswesen), hat Ruges „Geschichten aus dem Hemdsärmel“ ebenfalls auf ihren phantastischen Anspruch hin untersucht. Hier sind die beiden Rezensionen.

Sehr geehrte Desi & Simon, ich bin dreizehn und les gern. Außerdem bin ich ein Mädchen. Da dacht ich, so ’n Buch wie Eures, das muß doch was sein. Denn Das kühne Mädchen, Geschichten aus dem Hemdsärmel, da hat man schon doofere Titel gelesen. Nu habt Ihr bei mir allerdings Pech. Denn ich bin ’ne Leseratte. Ich knusper die Woche gut und gern meine zwo Dutzend Comics, fünf bis sechs wahre Geschichten und bestimmt so an drei bis vier Kinder- oder Jugendbücher weg, wie’s grade kommt. Gott sei Dank kann man ja tauschen. Euer Buch allerdings hab ich gekauft. Ich sag Euch, so was von Wut, wie ich sie jetzt auf Euch hab, die gibt’s gar nicht. Neunzehn Mark achtzig für so’n Kokolores!

Meine Brietze sagt eben Kokolores ist kein Argument. Kann sein, sie hat recht. Deshalb sag ich Euch, was ich dadrunter versteh. Gibt bestimmt ’ne Menge Kinder, die sagen, Ihr habt Phantasie. Das ist aber keine Phantasie, was Ihr habt, das ist runtergequatscht, das ist drauflosgesabbert. Das kann ebensoschlecht auch halb so lang oder doppelt so ausgewalzt sein: Völlig wurscht, was die Handlung betrifft; es gibt nämlich keine. Es gibt nur total nichtigen Quark.

Das Mädchen aus der Titelgeschichte, das kann alles: auf den Gaurisankar klettern, ins Meer runtertauchen. Hat auch nie Schiß. Geht ihm auch nie irgendwas schief. Logo, daß so ’ne papierene Göre auch noch durch die Luft segeln kann. Aber was soll ich mit so ’m idiotischen Ding? Da stell ich schon lieber die Abendschau an. Und dann erzählt Ihr doch tatsächlich noch ’ne Story vom Mond. Oberhofspaßmacher ist er bei der Sonne gewesen. Ein Filet brät er ihr. Gute Nacht, liebe Leute. Die Astronautenkinder schließen Euch in ihr Abendgebet ein.

Komponiert allerdings ist Euer Buch gut. Denn die Spitze des Stumpfsinns erhebt sich genau in der Mitte. Da verrenkt ein gewisser Bubu Semmelbohrer ein armes, fettes, schnarchendes Schwein. „Der Kopf steht ihm schief, und reden kann’s auch nicht mehr richtig. Und im ganzen macht es einen völlig verdrehten Eindruck.“ Genau; eben den hab ich auch. Denn Ihr mögt keine Tiere. Sie „setzten sich auf die Hinterbacken, streckten die Köpfe hoch und plärrten abscheulich, dem armen Mond frech ins Gesicht.“ Wer so über Hunde schreibt, der hat noch nicht mal einen Biß verdient, allenfalls eine Anpinkelung. Doppelt, nimmt man diese blöde Bestie Höllenhund hinzu, die mit ihren zwo Köpfen, acht Beinen, drei Schwänzen auf zwanzig von Euren einhundert furztrockenen Seiten – überraschend erfolgreich – Antihundepropaganda betreibt.

Meine Brietze meint eben, ich soll noch das „furztrocken“ erklären. Damit mein ich, daß auch so was wie Spannung, wie Humor, wie Poesie in ’ne Geschichte gehört. Mit hirnrissigem Kraftmeiertum und ruppigen Nichtigkeiten ist da kein Blumentopp zu gewinnen; bei mir und meiner Brietze jedenfalls nicht. Da könnt Ihr einem noch so oft auf die Schulter klopfen im Text oder bedeutungsvoll ein Auge zukneifen.

In einem allerdings geb ich Euch recht. Den Titel Eurer letzten Geschichte unterschreib ich hundertprozentig. Da habt Ihr wirklich ’ne helle Mi-